Kirschbaumkindheit

Meine Kinder haben etwas, das aus irgendeinem Grund für mich der Inbegriff von Kinderglück ist: Kirschbäume. Wir haben gleich zwei davon, und sie sitzen zu jeder Jahreszeit da drin, das kleine Kind ganz unten, das große Kind so weit oben, dass mir manchmal ein bisschen übel wird. Und wenn es dann endlich Juni ist, dann stehen sie davor und darunter und mittendrin und essen so viele Kirschen, bis sie keine mehr sehen können und die Finger rot gefleckt sind.

Vielleicht liegt es daran, dass es bei uns früher so gut wie nie Kirschen gab. Als gekauftes Obst einfach teuer, und oben im Hochschwarzwald wachsen keine Obstbäume mehr. Kirschen sahen wir nur, wenn wir ab und zu für Arzttermine und Einkäufe ins Tal fahren mussten, wenn die Kirschblüten unten schon die Landschaft weiß und rosa fluteten, während bei uns oben immer noch reichlich Schnee in den schattigen Ecken hing.

Einmal, da haben wir eine befreundete Familie in der Provence besucht, und die wiederum hatten Freunde, die ein ganzes Feld voller Kirschbäume hatten, und wir kamen gerade richtig, um nach der großen Ernte noch die Reste von den Bäumen zu lesen. Noch nie zuvor hatte ich so viele Kirschen gegessen. Kaum zu glauben, dass ich nun selbst zwei Bäume habe, wenn auch gemietet, aber hey – gemietete Kirschen schmecken nicht schlechter.

Ich muss inzwischen auch Abbitte leisten bei all denen, die ich im Geist so oft kopfschüttelnd getadelt habe, weil ich Bäume sah, an denen Unmengen von überreifen, verfaulenden Kirschen hingen, die niemand aberntete. Was wusste ich schon davon, wie viel Arbeit so ein ausgewachsener Kirschbaum macht und wie wenig Zeit einem bleibt für die Ernte, während Job und Schule und Regenwetter und Rückenschmerzen ganz normal weiter gehen. Was wusste ich schon von Kirschen, die plötzlich von Pilzen befallen werden und, gestern noch dunkelrot und prall, heute in rasender Geschwindigkeit unter den Fingern davon faulen, so wie es uns dieses Jahr mit einem Baum passiert ist. Was wusste ich schon von Jahren, in denen so viele Würmer in jeder Kirsche sind, dass irgendwann keiner mehr reinbeißen mag, so dass man sie einfach hängen lässt, so wie vor 3 Jahren. Was wusste ich schon davon, dass man Kilo um Kilo vom Baum holen kann und es trotzdem aussieht, als hätte ihn noch keiner berührt, weil einfach solche Unmengen von Kirschen daran hängen.

Wir haben dieses Jahr Kirschkuchen gemacht, Kirschsmoothies und Joghurt-Kirsch-Eis, Kirsch-Grieß-Auflauf und Rumkirschen. Wir haben Kirschen ins Müsli und an den Milchreis gekippt, wir haben eimerweise Kirschen pur gegessen, bis die Kinder darum baten, anderes Obst in die Schule mit zu bekommen, wir haben Kirschen verschenkt an die wenigen Leute hier, die keine eigenen Bäume haben, und wir haben bestimmt 10kg für die kommenden Monate eingefroren. Irgendwas wird uns damit schon einfallen.

Kirschbaumkindheit, das ist mein Bullerbü.

Dabei ist das natürlich albern. Die Kinder lieben die Bäume wirklich sehr, aber ich wette, sie messen ihnen nicht halb so viel Bedeutung zu wie ich. Dafür lauschen sie sehnsüchtig meinen Geschichten von früher, denn ich hatte eine Waldbeerkindheit – im September, gerade rechtzeitig, bevor der Winter zurück war, gab es auf dem Schulweg mannshohe Himbeersträucher mit den besten Himbeeren, die man finden kann, und der ganze Waldboden war sowieso voll von Heidelbeeren und manchmal auch Preiselbeeren. Uns wurde zwar eingeschärft, die Heidelbeeren nur zum Einkochen mit nach Hause zu bringen, wegen des Fuchsbandwurms, aber heimlich haben wir sie alle doch gegessen. Jeden Tag. Morgens ganz schnell, und mittags ganz viele. Bei uns werden Heidelbeeren geriffelt, mit der gespreizten Hand oder mit Holzriffeln. Heidelbeeren sind innen fast so dunkel wie außen, und wer nur die gezüchtete Kulturheidelbeere kennt, dem sei gesagt, dass man die beiden kaum in einem Atemzug nennen darf, so verschieden schmecken sie.

Und während also ich mir noch drei letzte schwarze Kirschen vom Baum stehle und die Zweige am Kinderzimmerfenster kratzen, was mir vor lauter gefühltem Reichtum fast die Tränen in die Augen treibt, möchten meine Kinder „nur einmal!“ dort sein, wo es Heidelbeeren gibt, so weit das Auge reicht.

Bullerbü ist vielleicht einfach immer anderswo.

Er ist’s!

Früher hätte ich in jugendlichem Leichtsinn behauptet, ich würde gern in einem Land leben, in dem immer nur Frühlingswetter ist. Heute sehe ich das etwas differenzierter, denn der gewohnte Wandel der Jahreszeiten hat auch schon was für sich, jede Jahreszeit bringt Dinge, auf die ich eigentlich nicht verzichten will.

Der Sommer beispielsweise ist toll, weil man ganze Wochen fast ausschließlich draußen verbringen kann. Weil es auch abends nach einem langen Arbeitstag warm genug ist, um im Garten zu sitzen. Ich mag laue Biergartennächte und blaue Schwimmbadtage mit den Kindern, ich mag Sommerurlaub und saftige Früchte bis zum Umfallen, von Pfirsich bis Wassermelone. Ich mag Waffeleis und Eiskaffee und kühle Cocktails mit viel Eis und barfuß gehen.
Aber ich hasse Stechmücken. Mich nervt, dass ich bei 25 Grad nachts nur noch mit nassen Tüchern bedeckt schlafen kann und mein Hirn bei 30 Grad die Funktion im wesentlichen einstellt. Ich ächze über die vielen Liter Sonnencreme, die ich auf mir und widerspenstigen Kindern verteilen muss, bis alles klebt, weil wir sonst gnadenlos verbrennen. Ich mag keine Gewitter. Ich mag nicht, wie mein Garten zunehmend vertrocknet und von der grünen Wiese irgendwann nur noch brauner Stoppelrasen übrig ist.

Dann kommt der Herbst. Ich liebe windige Herbsttage mit warmem Tee und Kürbissuppe. Ich mag die leuchtenden Farben an den Bäumen und die Kastanien in den Hosentaschen der Kinder. Ich mag die Erntetage und die Fülle, die da immer noch in den Obst- und Gemüsekisten liegt, Äpfel, Birnen, Kürbisse, Trauben. Ich mag dieses herbstgoldene Leuchten in unserem Garten und die ersten Laternen am Abend.
Aber ich mag nicht, dass es dann jeden Tag weniger grün und weniger bunt um mich herum wird. Ich mag nicht, dass ich wieder Socken tragen muss und die Winterjacken waschen. Ich mag die braunen, grauen Tage nicht, die meinen Kopf gleich mit trüb machen. Ich mag keinen Regenmatsch und ich mag nicht, wie der Wind durch unsere Fenster pfeift.

Winter. Ich liebe Schnee, je mehr, desto besser, obwohl ich nicht einmal Ski fahren kann. Ich mag Eiskristalle am Fenster und heißen Kakao. Ich mag den ganzen Weihnachtszauber sehr, von Plätzchen über Lichter und Tannenbäume bis hin zu alten Weihnachtsliedern. Ich mag Zimt und Orangenduft und dicke Gemüseeintöpfe.
Ich mag das Gefühl nicht, mehrere Schichten übereinander zu tragen. Mich nervt, dass meine Haut an den Beinen von Kälte offen und rissig wird. Mich graut vor den Tagen, an denen es morgens beim aufstehen dunkel ist und abends beim nachhause kommen schon wieder. Mir fehlen die Farben. Mir fehlt frisches Gemüse, das nicht gerade Kohl ist oder von weit her kommt. Ich kann auf Glatteis nicht laufen.

Und dann kommt der Frühling. Ich mag, wie es jeden Tag heller wird, als würde einem jemand einen Stein von der Brust nehmen. Die Temperatur ist perfekt, immer irgendwo zwischen dünner Regenjacke und TShirt, nicht zu viel, nicht zu wenig. Der kurz zuvor noch kahle Garten explodiert in Grün und wird einfach jeden Tag schöner. Ich mag Kirschblüten und Traubenhyazinthen. Ich mag Erdbeeren und Bärlauch und meinen Geburtstag und das erste Eis.
Ich mag nicht… ach ja. Das war der Punkt. Ich mag am Frühling eigentlich alles. Sogar, wenn es ein regnerischer Samstag wie heute ist – selbst der ist grüner, heller, fröhlicher als zu jeder anderen Jahreszeit.
Ja, er ist’s.

Ein Geschenk

Auf Twitter habe ich es schon geschrieben – die Entscheidung ist gefallen, jedenfalls der Teil, der außerhalb unserer Reichweite liegt. Die vorletzte Note ist verteilt, der Schnitt steht jedenfalls in eine Richtung fest, und es wird – so wie die Lehrerin uns das mitgeteilt hat – die Gymnasialempfehlung geben.

Das bedeutet:

Mir fallen ein paar entscheidungstechnische Felsbrocken vom Herzen.
Ich kann vielleicht wieder ruhiger schlafen.

Es ist völlig ein bisschen egaler, wie das Referat nächste Woche läuft.

Wir können uns zwei weitere Schulbesichtigungen diese Woche sparen.

Wir haben alle freie Osterferien und ich muss die Tage nicht damit verbringen, dem Kind vorauseilend den Schulstoff des restlichen Jahres beizubringen, damit er eine Aufnahmeprüfung bestehen kann.

Wir müssen auch nicht mehr überlegen, ob eine Aufnahmeprüfung für ihn problematisch ist. Uns nirgends beraten lassen, ob das sinnvoll wäre (die Lehrerin hätte im Zweifel schon mal gesagt: ja). Und er muss keine Aufnahmeprüfung überstehen.

Wir müssen nicht mehr überlegen, ob eine kirchliche Realschule für ein atheistisches, ungetauftes Kind funktionieren kann. Oder ob wir das überhaupt wollen würden.

Wir müssen nicht mehr überlegen, ob es ein kleines bisschen absurd ist, dass in Bayern ein Kind mit einem 1,6 – 2,5 – 2,6 Schnitt ein knapperer Kandidat fürs Gymnasium ist als ein Kind mit 2,4 – 2,4 – 3,4.

Das Kind kann die Schule wählen, die ihm bei all den Besichtigungen am besten gefallen hat, die mit den grauen Betonwänden, den geraden Fluren, dem Blick aufs grüne Feld, mit ganz viel Platz, mit der tollen Schulbibliothek.

Das Kind kann nächstes Jahr Latein wählen. Wenn er das dann immer noch so sehr möchte wie jetzt. Und kann in die Forscher-AG gehen und kann so lange Geige üben, bis es fürs Schulorchester reicht.

Er wird ab Sommer dann Bus fahren. Halb praktisch, weil wir die Fahrkarte zur nächstgelegenen Schule bezahlt bekommen (nein, das war kein Kriterium, das wäre auch anders gegangen), und weil es für ihn hoffentlich das einfachste ist – einsteigen in den fast leeren Bus, aussteigen an der Endstation. Dafür aber nicht die Taktdichte und Ausweichmöglichkeiten, die der Zug bieten würde. Und eine halbe Stunde früher aufstehen.

Ich mache mir ein paar Gedanken, weil er auf diese Weise seine beiden engen Freunde zumindest in der Schule verlieren wird, die ihm jetzt drei Jahre so wichtig waren. Ich hoffe, der Kontakt hält in der Freizeit.

Wir wissen immer noch nicht, ob diese Schule für dieses Kind genau die richtige ist. Wer weiß das schon vorher? Aber wir wissen, dass sich jetzt unsere Meinung mit dem Wunsch des Kindes, der Empfehlung der Lehrerin, der rechnerischen Zeugnisnote und dem Ratschlag anderer Fachleute vollständig deckt, und das ist doch schon mal was.

Alles andere bringen die nächsten 5 bis 9 Jahre. Ich bin gespannt, vorfreudig, ein bisschen nervös, es ist wieder ein weiterer neuer Abschnitt im Kinderleben. Und das Kind? Das freut sich einfach.

Entscheidungen

Da schult man ein Kind ein, macht stolze Fotos mit der riesigen Schultüte, blinzelt einmal, bringt das Kind nach viel Stress auf eine andere Schule, dreht sich noch zwei mal um und schwupps, ist die Grundschulzeit zu Ende.
Zeit also, die Schule für die nächsten 5 bis 9 Jahre auszusuchen.

Ein bisschen wehmütig denke ich daran, wie einfach das für mich als Kind war. Es gab genau drei oder eher zweieinhalb weiterführende Schulen im Ort, eine Hauptschule, und ein Gymnasium mit integrierter Realschule. Dann kam 30km und viele Berghänge lang nichts mehr. Jeder ging in eine dieser Schulen, nur alle paar Jahre entschied sich jemand, die stundenlange Busfahrt in die Kreisstadt auf sich zu nehmen, um z.B. Altgriechisch lernen zu können. Die Empfehlung war damals wie hier heute verpflichtend, aber mein Notenschnitt war am oberen Anschlag, also auch da nichts, was man überlegen müsste. Die Schulen waren klein und putzig, wir hatten zwei Klassen mit je 20 Schülern am Gymnasium und waren beim Abitur noch 30 Schüler.

Hier gibt es keine weiterführende Schule vor Ort. Egal wohin, er muss fahren. Mindestens 15 min mit dem Bus, vielleicht auch 30, oder Zug und S-Bahn. Ich habe ein Kind, für das Nahverkehrspendeln immer Stress ist. Bus besser als Zug, aber dafür mit schlechterem Takt.
Die Schulen sind ordentlich überfüllt und haben meist weit über 1000 Schüler, letzte Woche haben wir hier ein Gymnasium besichtigt, das dieses Jahr 10 fünfte Klassen mit etwa 30 Schülern bilden wird und „Außenstellen“ hat, weil der Platz fehlt. Dreihundert Fünftklässler. Mehr, als die Dorfgrundschule insgesamt an Schülern hat. Ich habe ein Kind, für das große Menschengruppen und laute Räume Stress sind.
Die Empfehlung ist in Bayern im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern eine Vorschrift. Der Schnitt der Leistungsnachweise muss passen, mündliche Allgemeinnoten oder Gesamteindruck existieren nicht. Ich habe ein Kind, das noch auf zwei Noten wartet und bisher genau zwischen allen Stühlen, also zwischen Gymnasium oder Realschule steht: noch kann dabei rauskommen, dass der Schnitt locker um eine halbe Note geschlagen ist, oder auch, dass der Schnitt in dem relevanten Fach um ein halbes Zehntel verpasst wurde.

Also planen wir in alle Richtungen, schauen alle potentiellen Schulen an, lassen das Kind testen, wie laut und chaotisch er die Gebäude empfindet (grellbunte Schule: stresst ihn, betongraue schnurgerade Schule: liebt er) und vergleichen Möglichkeiten. Wählen müssen wir zwangsläufig, es gibt nicht die eine logische Schulwahl. Und nachdem ich da lange Zeit komplett entspannt war, muss ich sagen: es zerrt inzwischen doch an meinen Nerven.

Falls der Schnitt nicht erreicht wird, gibt es in Bayern noch die Möglichkeit, einen Probeunterricht zu absolvieren, der in Wirklichkeit kein Unterricht, sondern ein Euphemismus für eine wohl relativ anspruchsvolle schriftliche und mündliche Prüfung über drei Tage hinweg ist, laut Lehrerin mit Stoff, der bisher in der Grundschule noch gar nicht dran kam. Wollen wir das, falls es in Frage kommt? Ich habe es dem Kind überlassen, denn ich will nicht diese Mutter sein, die das Kind um jeden Preis aufs Gymnasium peitschen will, ganz sicher nicht. Ich will keinen sinnlosen Druck auf mein Kind machen. Ich habe immer gesagt und glaube auch, dass es viele Wege zum Ziel gibt, viele Schulformen, die auf unterschiedlichen Wegen glücklich machen können. Ich habe miterlebt, wie sich meine Schwester jahrelang am Gymnasium gequält hat und dann in Klasse 12 fast erleichtert endgültig durchgefallen ist und weit weg, auf einer anderen Schulform, einen guten Abschluss gemacht hat, für den Praxis wichtiger war als Theorie.

Aber sofort wird mir auch klar, dass mein Kind nicht meine Schwester ist. Sie hat sich zwölf Jahre lang unter morgendlichen Tränen zur Schule gequält und jedes lernen gehasst. Er liebt die Schule, hing bei den Schulbesichtigungen in der ersten Reihe dem Schulleiter an den Lippen und redet seit Monaten davon, was er alles lernen möchte – Physik, Latein, Chemie. Sie hat Ponybücher gelesen, aber nie freiwillig ein Sachbuch in die Hände genommen. Er verweigert immer noch Romane und Kinderbücher, aber liebt Sachbücher in allen Varianten von Feuerwehr bis Politik. Sie musste lernen, üben, bekam Nachhilfe und hat doch nicht verstanden, wie Mathematik funktioniert. Er sieht Zahlen wie ich und begreift alles, was logisch ist, sofort. Sie wollte die Klasse nicht wiederholen, als es dringend angeraten wurde, weil sie ihre Freunde verloren hätte. Ihn interessiert kein Stück, auf welche Schule seine Freunde gehen werden, er möchte stattdessen die Schule mit der Forscher-AG und den schönen geraden Gängen und dem tollen Schulorchester.

Falls er den Schnitt verpasst, wird er das nicht, weil er den Stoff nicht versteht. Es wird die eine 4 sein, die er bekam, als er alle Fragen richtig beantwortet hat, aber beim Abschreiben einen ganzen Satz vergessen hatte und daher pro Wort einen Punkt Abzug bekam. Es wird das Referat sein, in dem auf dem Notenbogen stand, dass er in der Vorbereitung und sachlich sehr gut gearbeitet hat, aber dass er unsicher und undeutlich vor der Klasse vorgetragen hat und keinen Blickkontakt gehalten hat. Es werden all die vielen Fragen sein, die er wörtlich beantwortet hat, die aber nicht wörtlich bewertet wurden. („welches Tier wurde vom Wärter eingesperrt?“ „die Schlange.“ – Abzug und eine ganze Note, weil da nicht die kleine Schlange steht, auch wenn es nur eine gab.) Es werden die vielen Proben sein, in denen er so undeutlich schrieb, dass es Punktabzug wegen Unleserlichkeit gab.

Keine Frage, das sind alles plausible Gründe für Abzüge. Völlig in Ordnung. Notenschlüssel sind sowieso transparent. Und über exakte Fragestellungen könnte man diskutieren, wenn man diese Mutter wäre, aber das ist es nicht wert, denn er wird in seinem Leben noch oft undeutlichen Fragen begegnen und muss tatsächlich lernen, damit umzugehen, nicht alles wortwörtlich auszulegen. Und deshalb habe ich darüber schon gelegentlich die Augen gerollt, aber dann nicht diskutiert, sondern mit ihm geübt, wie man Fragen etwas breiter beantwortet.

Aber ich muss ja nicht nur Notenschnitte in Schablonen legen, sondern überlegen, welche Schule für mein Kind in den nächsten Jahren richtig ist. Auf welcher Schule er gefordert, aber nicht überfordert ist. Auf welcher Schule er ohne Stress lernen kann und damit glücklich wird.

Natürlich habe ich die Lehrerin gefragt, denn sie hat ihn jetzt zwei Jahre erlebt. Es ist ihre erste Klasse, ihr erstes Jahr als Lehrerin, letztes Jahr noch als Referendarin. Ja, er wisse unglaublich viel, über Schach, über den Bundestag, über Chemie, auch wenn er ihr die Hälfte davon erst nach dem Unterricht erzählt. Ja, er würde sicherlich die gleichen Fehler an jeder Schule machen. Er würde an der Mittelschule, an der Realschule und am Gymnasium Sätze vergessen, undeutlich schreiben, und Aufgaben zu wörtlich verstehen. Und auch sie glaubt, dass er mit dem Stoff auf keiner Schule Probleme hätte, dass er blitzschnell lernt und begreift. Dass er nicht auswendig lernen muss, sondern Dinge kann, die er liest. Dass er Grammatikregeln ebenso leicht versteht wie Mathematik. Aber dann gibt sie am Ende keine klare Antwort, sondern fragt zurück, was ich denke, wo ich ihn sehe, und stimmt mir dann zögerlich zu. Scheint selbst unsicher. Ja, ein Gymnasium wäre seine Schule, ein möglichst kleines, aber jetzt müsse man eben sehen, was die Noten machen, sie hätte da ja keinen Einfluss. Und ich bin so klug wie zuvor. Immerhin habe ich keinen völlig falschen Eindruck.
Auch anderswo, wo er aus Gründen getestet und beobachtet und durchleuchtet wurde, war das Fazit eindeutig: klar für Gymnasium. Er wäre eher jetzt schon unterfordert und würde komplett abschalten.

Was also tun? Den Probeunterricht versuchen, in fremder Umgebung, mit fremden Lehrern, mit mündlicher Prüfung? Vielleicht würde er auch da nicht den geforderten Schnitt erreichen und würde sich dann erst recht als versagend erleben. Darf ich ihm das wirklich antun? Aber darf ich es ihm verbieten, wenn er sich jetzt schon so sehr wünscht, es zu versuchen?
Wäre es richtig, ihn mit einer solchen bestandenen Zusatzprüfung aufs Gymnasium zu schicken? Vielleicht wäre die Entscheidung völlig falsch. Vielleicht wäre er dann wirklich überfordert, unglücklich und müsste zurück wechseln nach den ersten Jahren. Vielleicht wäre sie auch richtig und er würde noch lernen, deutlicher zu schreiben, breiter zu antworten und würde aufblühen mit allem, was er da lernen darf.
Wäre es richtig, ihn ohne Zusatzprüfung auf die Realschule zu schicken? Vielleicht wäre die Entscheidung falsch. Vielleicht wäre er wirklich unterfordert, gelangweilt und man müsste ihn wieder aus der Klasse reißen, um doch das Gymnasium zu testen. Vielleicht würde er, wie uns gesagt wurde, sich dann an den niedrigeren Anforderungen orientieren und ganz zu machen. Vielleicht wäre es auch genau richtig und er würde ohne viel Stress und entspannt durch seine Schulzeit kommen.
Bin ich diese Mutter, die irgendwo unterbewusst doch glaubt, ausgerechnet ihr Kind wäre klüger, als die Noten es zeigen? Bin ich diese Mutter, die nicht akzeptieren kann, dass die Realschule ausreichend ist? Kenne ich mein Kind? Kann ich mir selbst und meinem Eindruck vertrauen?
Auch Ratschläge sind da zwecklos: wenn mir hundert Leute erzählen, was für ihr Kind richtig war, heißt das eben nur genau das und nicht, was für mein Kind richtig ist.

Es ist wohl dieser Aspekt am Elternsein, den ich am wenigsten vorher begriffen hatte und am meisten unterschätzt hatte: was es mit einem macht, für einen anderen Menschen so vollständig verantwortlich zu sein. Sicher, ich hatte auch für fremde Kinder schon relativ viel Verantwortung, habe meine kleinen Geschwister (zu) früh versorgt, habe meine AuPair-Kinder eine Woche ganz alleine betreut, habe über Arztbesuche und Hausaufgaben entschieden. Aber das ist alles ein Klacks gegenüber dem, was man mit eigenen Kindern oder überhaupt in je einer anderen Lebenssituation erlebt.

Wenn ich für mich eine Entscheidung treffe, trage ich die Folgen. Nicht immer nur ich, manchmal auch Partner und Freunde und Kollegen, aber meist haben auch die wieder Wahlmöglichkeiten. Können gehen, können gegen mich entscheiden, können streiten und argumentieren. Wenn ich den Job wechsle und nach einem Jahr herausfinde, dass das die dümmste Entscheidung meines Lebens war, dann muss vor allem ich das aushalten. Dann weiß ich, warum ich die Entscheidung so und nicht anders getroffen habe, damals, und dann weiß ich, dass es meine Verantwortung war, selbst wenn es schief ging. Und dann muss ich versuchen, das wieder hinzubiegen.

Aber wenn ich für mein Kind entscheide, dann trägt oft vor allem das Kind die Folgen. Dann ist er unglücklich. Oder überfordert. Oder so gestresst, dass seine kleine Welt fast untergeht. Natürlich entscheidet nicht jede Wahl über das ganze Kinderleben, oft gibt es wirklich immer noch einen Plan B, eine ähnlich gute Möglichkeit. Aber vielleicht nicht immer. Vielleicht trifft man doch eines Tages eine Entscheidung für das Kind, die wirklich massive Folgen hat. Wer weiß das schon? Man kann ja nie die Alternative testen, man hat nur einen Versuch, jedes „was wäre gewesen, wenn“ ist zwecklos.

Jeden Tag trifft man solche Entscheidungen für sein Kind. Manchmal ganz kleine – kann es mit diesen Schuhen gut laufen? Ist das zweite Eis wirklich so tragisch? – Manchmal größere, wie Schule und Kindergarten, wie den Umgang mit Konflikten. Manchmal sind sie groß und schwer und trotzdem klar – ich habe bis heute nicht vergessen, wie ich den Einjährigen in der Klinik auf der Liege festhalten musste, damit er einen Zugang und Sauerstoff bekommen konnte, aber nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass das sein muss. Und manchmal sind sie eben so, dass man wälzt, überlegt und zweifelt und trotzdem nie ganz sicher sein kann, dass man am Ende das richtige tut. Es zerrt und macht unruhig. Man wird richtige Entscheidungen treffen und sicher auch einige falsche und kann nur hoffen, dass die falschen nicht zu viel kaputt machen.

In zwei bis fünf Wochen ist alles gelaufen. So oder anders. Darüber bin ich sehr froh. Bis zur nächsten großen Entscheidung.

#WMDEDGT, März 2019

Die Frau Brüllen fragt einmal im Monat ins Netz: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“, und da ich jetzt ein Blog hier stehen habe, kann ich ja mal antworten. (Das Verlinkungstool klingt unpraktisch, ich spare mir das jetzt.)

6:20 Uhr: Wecker. Halb wach war ich eh schon und vor allem sehr müde, denn heute war so eine Nacht, in der sogar das große Kind irgendwann dringend kuscheln kommen musste und am Ende zwei Kinder und ich auf einer 1,40-Matratze gequetscht waren, also ich vor allem gequetscht, die beiden weniger, und außerdem war ich gestern abend unterwegs und zu spät im Bett. Also: müde.
Die Kinder sind mit aufgewacht und klagten über Bauchmuskelkater vom neuen Trampolin. Das wurde dann auch sofort wieder ausgiebig probiert, von ihnen und auch für ein paar Minuten zwischendrin von mir. Macht Spaß. Lässt fast den Zug verpassen.

Zum Zug gerannt wie jeden Tag, Zug erfreulicherweise erwischt. Ferien, daher viele Sitzplätze. Angenehm.
Gegen 8 am Hauptbahnhof, dort ein Croissant und eine Flasche Ingwertee gekauft (großartiges Zeugs), einen Abstecher in den Drogeriemarkt für unvermeidliches gemacht, das ich zuhause vergessen hatte. Dann zum Bus Richtung Büro, unterwegs noch zwei kleine Pokemon-GO-Raids mitgenommen, auf die fünf Minuten kam es auch nicht mehr an und ich möchte diese Quest abschließen.

Büro: Kaffee, Arbeit alleine, wie immer. Heutiges Thema waren Photodiodenverstärker, und damit hatte ich zuletzt in der Diplomarbeit zu tun, in der ich mit großem Übermut glaubte, sowas (ultraschnell, ultra stark verstärkend) bauen zu können und am Ende ein wenig demütiger war, aber immerhin einen gar nicht so üblen Photodiodenverstärker gebaut hatte. Jedenfalls ist das gute 15 Jahre her und die Fitzelchen, die davon hängen geblieben sind, halfen mir heute wenig. Unzufrieden mit dem Fortschritt.

Mittags gab es heute – einfach so oder weil Fasching ist oder weil halt – für die ganze Besetzung großes Weisswurschtfrühstück mit allem drum und dran, Brezen, Bier, Senf, Krapfen. War lecker und lustig.
Gestern erfahren, dass heute auch im neuen Büro nur ein halber Arbeitstag ist, das aber bei meiner ganzen Zeitplanung für März nicht eingerechnet gehabt, deshalb musste ich dann noch mal ran. Habe noch die einigermaßen dringenden und einigermaßen kleinen Dinge abgearbeitet, zwei Mails verschickt, die Photodiode weit weg gelegt für morgen und mir dann irgendwann nach 15 Uhr wenigstens noch einen halben halben freien Arbeitstag genommen.

Viel anzufangen war damit nicht – die Läden in der Innenstadt hatten faschingsbedingt alle zu, essen oder trinken wollte ich nach dem Mittagessen wirklich überhaupt nichts mehr, und das Wetter war auch nur so halb einladend grau. Also zu Fuß zum Bahnhof geschlendert, Fasching vermieden (das geht in München einfach, man darf nur nicht die Fußgängerzone betreten. Fasnet ist super, ich kriege freudiges Herzklopfen, wenn ich einen Schellengurt höre, aber Fasching und ich, wir werden keine Freunde.) Pokéstops und Pokémon mitgenommen, was ich gefunden habe, ersten Zug verpasst, zweiter Zug verspätet und schon hat man wieder unverhofft 45 Minuten am Hauptbahnhof verbracht. Kurz vor 17 Uhr und damit sehr früh zuhause gewesen.

Mit den Kindern Lasagne gemacht, noch ein bisschen Trampolin gehüpft, beide Kinder an ihre Musikinstrumente getrieben und altkluge Tipps gegeben, Lasagne gegessen, ein Kind in die Badewanne gesteckt, Dinge nachgelesen, Zwuckel beim freiwilligen und selbstgelernten Klavierspiel zugehört, Geld überwiesen, mit Knirps über den Hangout ein paar lustige gifs ausgetauscht (seine Handy-Lieblingsbeschäftigung) und mir die besten Dingse aus dem Guinness-Buch der Rekorde erzählen lassen.

logo, Sandmann, Kinder ins Bett, seither sitze ich mehr oder weniger so hier rum, und denke, dass ich eigentlich auch ins Bett sollte oder inhalieren sollte, weil meine Lunge weh tut, oder Trampolin hüpfen äh schwingen, aber vor allem eigentlich ins Bett. Ich kann das wunderbar über sehr lange Zeit hinweg nur denken und nicht tun, und während ich so dachte, dass ich ins Bett gehen muss und sehr sehr müde bin, flog mir ein #wmdedgt-Hashtag entgegen und mir fiel ein, dass ich das schon heute morgen eigentlich planen wollte und nunja: da ist er, mein Tag. Gute Nacht.

Sport – eine Odyssee.

Ich hatte auf Twitter kürzlich angekündigt, über Sporterfahrungen zu bloggen. Das habe ich bisher viele Jahre lang vermieden, denn zu groß ist die Befürchtung, dass das nur als fade Rechtfertigung abgetan wird, zu oft habe ich schon verdrehte Augen nach dem Motto „wenn man will, kann man auch“ gesehen und zu lange habe ich mir das dann sogar selbst vorgeworfen. Aber so ist es nicht. Heute denke ich aus vielen Gründen anders. Und weil ich mir das nicht mehr vorwerfe, kann ich unbeirrt weiter nach dem passenden Sport für mich suchen und mich dabei eigentlich ganz wohl fühlen. Und immer noch Spaß daran haben.
(Was ich übrigens auch nicht brauche, sind Tipps zu DER Sportart, die alles anders macht, zu der perfekten App, dem perfekten Kurs oder Mindset, oder medizinische Ratschläge. Ich frag‘ euch bei Notwendigkeit gerne, aber bis dahin dürft ihr mir glauben, dass ich mich ganz gut kenne.)

Also: so war das in den letzten 35 Jahren mit dem Sport und mir. Achtung, das wird lang.

Mein erster Sportkontakt abseits von Wandern und Spielplatztoben war Physiotherapie. Skoliose, angeboren. Ich durfte zuerst alleine mit dem Therapeuten turnen, danach auf Rezept in die Wassergymnastik, wo ich mit Schwimmflügeln zwischen lauter alten Damen in warmem Wasser hampelte (die Sinnhaftigkeit darf etwas bezweifelt werden), aber das schönste war, dass ich dadurch einmal pro Woche mit einem Elternteil stundenlang in die große Therme durfte.

Zweites: der Schulsport. Ich hatte eigentlich Spaß dort, ich mochte manche Spiele, ich mochte das Turnen an den Ringen und das Springen in die dicken blauen Matten. Nur gut war ich nie. Ich war lang, untergewichtig und schlaksig und meine Gliedmaßen taten selten das, was ich wollte. Ich war sehr langsam und rannte „komisch“, das wird mir bis heute nachgesagt. Ich sah Bälle grundsätzlich erst zu spät, so dass ich sie meist an den Kopf bekam, bevor ich reagieren konnte. Oder mich manchmal noch wegduckte. Hände und Füße waren nicht schnell genug. Ich kam nicht die Seile hoch und schaffte die Übungen am Reck nicht, ich konnte kein Rad schlagen und irgendwelche Bewegungsfolgen nachmachen war völlig unmöglich. Ich bekam 4er und 5er, das störte mich eigentlich nur, weil es die Gleichförmigkeit meiner sonstigen Noten durchbrach. Sonst war es nicht schlimm.

Auch außerhalb der Schule tat ich mir schwer. Schwimmen und Radfahren lernte ich erst irgendwann mit 10 bis 12 Jahren, so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls schon im Gymnasium. Im Rückblick sind meine Eltern fast daran verzweifelt, führten meine Arme und Beine zu den passenden Bewegungen, fuhren mich zum Üben zum Sportplatz, kauften Jahreskarten im Hallenbad im Nachbarort, meine Geschwister lernten schwimmen, fuhren Rad, fuhren Rollschuh, nur ich konnte nichts davon. Warum es irgendwann doch funktionierte? Keine Ahnung. Klick.

Schulsport im Gymnasium wurde schlimmer. Zum simplen Nicht-Können kamen jetzt Demütigungen, oft von Schülern, aber auch von Lehrern. Ich war immer noch dürr und schlaksig, Storch im Salat wurde ich genannt, und saß dann oft auf der Bank neben der Klassenkameradin, die 3mal so schwer war wie ich und beim gehen schnaufte und auch nicht mehr in Mannschaften gewählt wurde. Ich kam bei den Bundesjugendspielen nicht mehr weiter und blieb bis zum Ende der Schulzeit auf den gleichen Übungen, Rolle vorwärts -Strecksprung – Rolle rückwärts, 2 Punkte, Reckumschwung, 2 Punkte, irgendwas auf dem Schwebebalken. Ich bekam meine konstante Sport-Vier. Ich wurde ausgelacht, nach hinten gestellt, vor der ganzen Klasse beschimpft, aus Mannschaften gewählt, verspottet, als Strafe für andere wieder in Mannschaften zugeteilt (liebe Lehrer: tut das nicht.).

Das hat mich aber von nichts abgehalten. Ich habe mich für die Tennis-AG angemeldet und ein Jahr nachmittags Tennis gespielt (und nur selten getroffen, aber das stört doch keinen großen Geist). Ich bin ins Langlauftraining eingetreten, die Loipen hatten wir ja wortwörtlich vor der Haustür. Ganzjährig Kraft- und Konditionstraining, bei Schnee Training auf der Loipe. Ich war die langsamste im Laufen und lief trotzdem mit dem Verein meinen ersten 5km-Sommer-Lauf, ich bekam eine Schachtel Pralinen zum Trost, weil ich als allerletzte aller Altersklassen ins Ziel lief, während schon die Absperrungen abmontiert wurden. Ich hatte wie bei jeder anderen Sportart Probleme, Arme und Beine zu koordinieren und das Gleichgewicht zu halten und rutschte auf der Loipe gern mal die Abhänge rückwärts wieder hinunter, während mich die anderen zum dritten mal überrundeten. Slapstickreif. Aber niemand lachte hier, der Trainer feuerte mich trotzdem an und gab mir Tipps, alle nahmen mich selbstverständlich trotzdem wieder mit auf die Loipe, nur ein Skirennen konnte ich so nie fahren. War nicht schlimm, ich kam die Steigungen ja eh nicht hoch. Es waren schöne Abende, sowohl bei Flutlicht im Schnee als auch in der Sporthalle, und so blieb ich da viele Jahre. Bewegung hatte ich auch sonst genug, die Schule lag auf dem Berg ganz oben und mein Zuhause auf dem anderen Berg, da kam man zu Fuß und auf dem Rad schon auf ziemlich viele Höhenmeter im Alltag.

Mit etwa 15 bekam ich die erste ärztliche Sportbefreiung für ein halbes Jahr und jede Menge Salben und Physiotherapie, weil meine Knie ständig dick, rot und entzündet waren. Mir wurde erklärt, dass da irgendwie mein Körper in Entzündungsschüben meine eigenen Knorpel angreift, Autoimmundings, kann man nicht viel tun, nicht zu viel belasten, erst mal jetzt wieder Ruhe reinkriegen. Den Spott von Klassenkameraden und Lehrern verringerte das nicht, ich wurde teilweise offen als Simulant hingestellt, was vor allem deshalb im Rückblick lustig ist, weil ich nie im Leben nur auf die Idee gekommen wäre, irgendwas vorzutäuschen oder gar eine Schulstunde zu schwänzen. Nie. Ich war das übersteigerte schulische Pflichtbewusstsein in Person. Ich hatte eben nur Schmerzen in den Knien.

Dann Studium in der großen Stadt und damit jede Menge Möglichkeiten. Ich fuhr überall hin mit dem Fahrrad, weil das billiger war und endlich überall Fahrradwege und nirgends Berge waren. Ich ging mit meinen Studienkollegen zum Bergwandern. Ich machte einige Jahre immer wieder „Hüpfkurse“, Aerobic, Musikgymnastik oder wie sie auch alle hießen. Das war lustig, mein Problem blieb dasselbe – Arme, Beine, Koordination, Knoten. Ich war meistens darauf konzentriert, irgendwie der Bewegung der Vorturner zu folgen und dabei nicht in den Spiegel zu schauen, wo ich wahrlich wenig ästhetisch rüber kam. Alles in allem aber nett, wenn auch nicht meine Traumsportart.

Ich hatte einen neuen Freund und der fand Standardtanz super, also machte ich mit ihm einen Tanzkurz und fand das auch super. Ich kaufte Tanzschuhe und wir machten den Anfängerkurs gleich zweimal, weil Arme, Beine, ihr wisst schon, aber Musik und Bewegung? Großartig. Wir machten den Fortgeschrittenenkurs und wurden gestoppt, weil ich plötzlich massive Hüftprobleme hatte. Der Orthopäde rieb sich lang das Kinn, fragte, warum ich nichts von der Hüftdysplasie gesagt hätte, das müsse ich ja wissen, und ja, richtig, da war irgendeine Geschichte, dass meine Hüfte von Geburt an nicht ganz in der Pfanne war und man das erst zu spät merkte und nur breit gewickelt hat, hatte mir aber bisher nie Schwierigkeiten gemacht. „Kein Tanzen mehr“, sagte der Orthopäde, und auch „mit 30 sitzen Sie vermutlich noch nicht im Rollstuhl, was danach kommt, weiß ich nicht, die Technik wird ja besser bei künstlichen Gelenken.“ Ich glaube, er fand das witzig. Die Tanzschuhe wanderten in den Schrank.

Der neue Freund fand auch Skaten super, also kaufte ich mir Inline-Skates. Wollt ihr raten? Ich habe es versucht, ehrlich, viele viele Wochen lang habe ich mich an Wänden und Geländern entlang gewunden und mich an den Händen ziehen und schieben lassen und trotzdem nicht kapiert, wie man sich auf diesen Dingern bewegen soll. Gleichgewicht? Siehe Langlaufski. Nur fällt man im Schnee weicher. Ich habe es zwei Sommer lang versucht und im dritten haben die Mäuse im Keller das Innenfutter gefressen.

Dann wohnten wir in der Studentenstadt, direkt am englischen Garten. Einer der größten Parks der Welt direkt vor der Haustüre, was bietet sich da mehr an als Laufen? Laufen kann ich doch wohl. Ich kaufte Laufschuhe, teure mit modernster Gel-Dämpfung trotz BAFöG, und begann Runden zu laufen. Das war tatsächlich sehr schön und entspannend. Bis zu Woche vier, als meine Knie wieder dick und rot und schmerzhaft waren. „Laufen ist ab jetzt verboten“, sagte der Orthopäde, ja, auch mit guten Schuhen, der Knorpel wäre schon ziemlich hinüber. Als die Knie wieder funktionierten, fand ich in der Studentenstadt die Badmintonkurse. Das klang doch super, und man musste nicht laufen, dachte ich. Schläger gekauft, ein paar Monate mehr schlecht als recht, aber mit viel Spaß Badminton gespielt, dicke, rote, schmerzende Knie. „Ich sag’s jetzt mal ganz deutlich, wenn Sie ihre Knie behalten wollen: kein Laufen, keine Sportarten mit plötzlicher Stop-Belastung auf den Beinen, kein Hüpfen, kein Springen. Kein Badminton mehr. Keine Ballsportarten.“ – „Was darf ich denn dann?“, fragte ich ein bisschen hilflos. „Radfahren, aber nur in kleinen Gängen und ohne Steigungen. Und Schwimmen, aber kein Brustschwimmen wegen der seitlichen Beinschläge. Nur Kraulen.“

Also nutzte ich an meinem Mountainbike nur noch die drei untersten Gänge, das war nicht so lustig, aber ging auch. Ich lernte, mich mit dem Fahrrad nur noch in der Nähe von Bahnlinien zu bewegen, nachdem ich einmal bei einer Radtour entlang der Isar mit dicken, roten, schmerzenden Knien strandete und weit und breit keine Bahn war und keiner ein Auto hatte, um mich aufzusammeln. Schwimmen dagegen war komplizierter. Ich hatte zwar wie gesagt mit 12 endlich schwimmen gelernt, aber das „wie“ war eine andere Frage. Vor allem konnte ich nicht tauchen, ich konnte nur mit Nase über dem Wasser schwimmen, alles andere endete in halbem Ertrinken und viel fuchteln und jedenfalls nicht in Sport. Ich meldete mich im Unisport zu einem Schwimmkurs für Erwachsene, die Hälfte Nichtschwimmer, die andere Hälfte Leute wie ich, die sich zwar über Wasser halten konnten, aber nicht mehr. Auch hier schön: man musste sich nicht blöd vorkommen. Genutzt hat das leider alles nichts, einfach die Nase zu lassen ging nicht, unter Wasser ausatmen ging nicht. Die Theorie war mir schon sehr klar, nur gleichzeitig richtig atmen und kein Wasser einatmen und Arme und Beine bewegen, das klappte nie. Ich kaufte mir eine Nasenklammer, damit ertrank ich zwar nicht mehr, aber bekam dann Atemnotpanik und schlug wild um mich, statt Bahnen zu schwimmen. Daneben übten sie mit mir Kraulen, auch das, naja, ich hab’s jetzt eben mal gemacht, man könnte damit sicher sehr lustige Filme drehen. Die beiden Schwimmtrainer verabschiedeten mich ratlos.

Daran hat sich bis heute übrigens nicht sehr viel geändert. Ich gehe wirklich sehr gerne schwimmen und liebe das Wasser, ich kann nur kaum sportlich schwimmen, weil die Nase immer noch nicht unter Wasser geht und ich dann immer noch halb ertrinke und weil vom Kopf über Wasser halten der Nacken zu stark belastet wird. Leider geht das Schwimmen auch zunehmend auf die Hüfte, wenn ich mehr schwimmen gehe, hilft das Knie und Rücken, aber dafür kann ich tagelang schlechter zu Fuß gehen und habe mehr Hüftschmerzen, also auch keine optimale Lösung. Aber ich habe noch lange nicht aufgegeben, letztes Jahr im Wellnessurlaub bin ich zum ersten mal ein paar Meter mit offener Nase unter Wasser geschwommen und seither versuche ich (vergeblich), diesen Zustand nochmal zu erreichen. Irgendwann.

Dazwischen die ersten Bandscheibenvorfälle, oder auch nicht, das ist bis heute nicht so ganz klar, aber das ist eine andere Geschichte. Einer im Studium, einer kurz danach. Der Arzt fand, dass ich zu beweglich und zu untergewichtig und zu jung für Bandscheibenvorfälle war, das half aber auch nicht. Sehr viel Physiotherapie über Monate und gezielter Muskelaufbau. Die Rückenübungen sind eines der Dinge, die ich bis heute halbwegs konsequent beibehalten habe. Trotzdem half alles nicht ganz so, wie es vorgesehen war, und nach Monaten dann doch.

Als ich zu arbeiten begonnen hatte, fand ich ein hübsches, schweineteures Fitnesstudio nahe am Büro. Studios waren für mich immer diese eine Form von Sport, die ich mir für mich nie vorstellen konnte. Aber auf der anderen Seite waren da schon ziemlich viele andere Sportarten auf der Liste durchgestrichen. Also versuchte ich das Studio und fühlte mich da überraschend wohl. Ich bekam Gerätetraining, das auf alle meine komischen Knochen zugeschnitten war, und wenn die Knie auf dem Fahrrad aufmuckten, konnte ich einfach sofort absteigen, ohne was zu riskieren. Lange Zeit ging ich da dreimal pro Woche hin, am liebsten morgens um 6, möglichst wenig Menschen. Manchmal abends noch in die Sauna. Dann wurde ich schwanger, sehr sehr müde und unbeweglich und fast zeitgleich schaffte das Studio die Kinderbetreuung ab, also kündigte ich.

Kinder. Nie schlafen, nie Zeit für mich, immer fix und fertig. An Sport habe ich da lange nicht viel gedacht. Als die Kinder etwas größer wurden, startete ich einen neuen Versuch im Fitnesstudio, aber das ging mächtig in die Hose. Letztendlich war es dann doch immer noch schöner, auch mal zu schlafen. Oder die Kinder einmal am Tag zu sehen. Zeit ist ein knappes Gut, seit ich Mutter bin.

Also beschränkte ich mich längere Zeit darauf, möglichst viel und ausdauernd zu Fuß zu gehen und meine Rückenübungen zu machen. Im Urlaub gelegentlich wandern, aber das ist ja schon wieder so eine Sache mi den Knien. Als nach dem Umzug genug Platz war, hatte ich außerdem die fixe Idee, einen Crosstrainer zu versuchen. Ich hatte natürlich recherchiert, und natürlich hatte ich deshalb auch hier und da die Warnung gelesen, dass das für die Hüfte nicht das klügste wäre, aber ich bin ja stur. Also kaufte ich den Crosstrainer. Macht Spaß, mit traumhaftem Blick hier über die Felder und zum Wald, mit Tablet und ein paar guten Serien. Aber die Warnungen hatten natürlich recht und deshalb kann ich den Crosstrainer zwar hin und wieder für kurze Zeit nutzen, aber kaum länger als 15 min, und erst recht nicht mehrmals die Woche. Die Hüfte schreit sonst. Wenn ich meine Sturheit endgültig eingestanden habe, verkaufe ich ihn, aber noch ist es nicht so weit.

Bandscheibenvorfall 3, oder das, was man zunächst eindeutig dafür hielt. Zum ersten Mal wird wegen Lähmungserscheinungen Bildgebung genutzt – und kein Vorfall gefunden. Wieder 3 Monate Schmerzmittel, Physiotherapie, Ratlosigkeit und am Ende hatte immer noch keiner eine endgültige Diagnose. Zum ersten Mal der Verdacht, es könnte auch was entzündliches sein, vielleicht auch die ersten beiden Vorfälle damals, und seit neuestem kommt da die Idee einer Autoimmungeschichte rein, so dass ich vielleicht gar nicht 10 verschiedene Baustellen habe, sondern nur zwei oder drei weitverzweigte – aber das ist wie gesagt nochmal eine ganz andere Geschichte. Klar ist jedenfalls, dass mein Rücken, meine Knie, meine Hüfte mir so einiges verbieten, klar ist auch, dass ich Rücken, Knie, Hüfte trotzdem weiter möglichst mobil halten muss, und auch was für die Ausdauer und das mittlerweile gar nicht mehr so geringe Gewicht nicht das schlechteste wäre.

Wieder ins Studio war Option 1. Umgesetzt habe ich das nie, weil ich genau ahnte, wie das enden würde: ich muss zu weit dafür fahren, ich habe Umwege, wäre an Arbeitstagen damit locker 2 Stunden zusätzlich unterwegs und würde die Kinder gar nicht mehr sehen, an Nicht-Arbeitstagen müsste ich mit dem Zug reinfahren und wäre locker 3-4 Stunden unterwegs. Und ich habe jetzt schon das Gefühl, nie Zeit zu haben.
Wie oft würde ich das wohl tun, trotz aller Dringlichkeit? Genau.

Also habe ich nach Recherche Option 2 gefunden: ein Trampolin. Kein Kinder-Garten-Hüpf-Gerät, sondern eines, das wohl auch in Reha und Physiotherapie genutzt wird und superduperweich mit anpassbaren Gummiseilen gefedert ist. Möglichst wenig Druck auf die kaputten Gelenke, trotzdem Bewegung mit dem ganzen Körper. Kein hartes Aufkommen. Schwingen statt Hüpfen. Fernsehen nebenbei. Angeblich tatsächlich auch empfohlen für alle meine körperlichen Problemzonen von Knorpelschäden bis Rücken und sogar den Beckenboden. Ob das die Lösung ist, werden wir in ein paar Monaten sehen, aber morgen soll das Teil hier ankommen und ich freue mich schon sehr darauf und habe schon passende Übungen gesucht.

Und damit ihr jetzt alle wisst, dass ich das durchziehen werde, mache ich es hier öffentlich. (No pressure! oder ein kleines bisschen). Ab morgen wird geschwungen!


Metzgergeschichten

Als ich noch in der Stadt wohnte, da waren Metzger und Bäcker kein großes Thema für mich. Sicher, es war immer verpönt, sein Brot im Supermarkt zu kaufen oder die Wurst verpackt im Kühlregal, ganz egal, wie gut die Produkte waren. Aber zum einen hatte ich lange nicht genug Geld, um mir Metzger und Bäcker zu leisten (nein, auch nicht, wenn man wenig Fleisch isst, nein, ich möchte mir nicht erklären lassen, wie ich besser auf anderes verzichten könnte). Zum zweiten waren dreiviertel aller Metzger und Bäcker einfach Ketten, bei denen es auch nur tiefgekühlte Teiglinge gab wie im Supermarkt, nur für dreimal so viel Geld und an Orten, an denen ich im Alltag nie vorbei kam oder die nie offen hatten, wenn ich Zeit hatte. Da gab es zum Beispiel nicht weit von meiner vorletzten Wohnung in Giesing einen französischen Handwerksbäcker, etwas teuer für meinen Geschmack, aber so ist das in der Stadt, er konnte sich das erlauben, denn echte Bäcker sind Statussymbol wie Biomärkte. Deshalb hatte er allerdings auch Öffnungszeiten wie „von 8 bis 12 Uhr“, und abends noch zwei Stunden, aber bis ich kam, gab es immer kein Brot mehr und dann habe ich nach dem dritten Besuch wieder aufgegeben. Und natürlich kannte ich mit den Jahren auch Metzger irgendwo, aber nicht jeden Tag war mir danach, mit zwei mal Umsteigen durch die Stadt zu fahren, statt abends doch die Kinder ins Bett zu bringen. Und drittens noch: ich mag die Waren in manchen Supermärkten wirklich gerne, und das meine ich ernst. Auch Maschinen können durchaus gute Teige rühren, wenn man sie dazu programmiert. Ich stehe dazu, auch Supermarktware zu mögen, nicht alle, aber manche eben schon. Die Diskussion über lokalen und müllarmen Einkauf ist wieder eine andere, eine für einen anderen Tag.

Jetzt lebe ich im Dorf. Einkaufstechnisch sicher ein Rückschritt für alles, was über Grundnahrungsmittel hinausgeht, die dafür bekomme ich jetzt in richtig guter Qualität. Wir haben nicht nur einen, nein, zwei Handwerksbäcker mit eigener duftender Backstube, bei denen die Semmeln 30% weniger kosten als in der Stadt, aber das doppelte wiegen. Gut sind sie noch dazu, und die Kinder schauen gern dem Tanklaster zu, der das Mehl in den Keller bläst. Wir haben einen Metzger, der die Tiere von den umliegenden Höfen selbst schlachtet und jede Menge gutes Fleisch hat, an dem jede Woche dran steht, welcher Bauer das Schwein aufgezogen hat. Wir holen Rindfleisch direkt vom Hof und Eier aus dem Eierautomat oder beim Bäcker, jedenfalls alles von hier irgendwo.

Aber dann ist da die Sache mit dem Reden. Das Kühlregal spricht nicht mit mir, ich nehme mir meine Sachen, an der Kasse reicht danke und bitte, das kriege ich hin. An Theken dagegen stehen Menschen, die mich ansprechen und erwartungsvoll anschauen und ganz zweifellos notwendig machen, dass auch ich spreche. Das wiederum kann ich nicht sehr gut. Konnte ich noch nie sehr gut. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich bekomme weder Herzklopfen noch feuchte Hände, ich weiß nur nie, was ich wann sagen muss und soll und kann und wo ich stehen soll und wer wohin schaut und überhaupt sind Menschen oft ganz schön anstrengend.

Ich übe daher jedes Gespräch im Kopf vor, und ich meine wirklich: jedes. Schon immer. Nicht nur Bewerbungsgespräche, nicht nur berufliche Telefonate, nicht nur den Anruf bei der Lehrerin. Wenn ich beim Pizzadienst anrufe, dann habe ich auf meinem Block nicht nur notiert, dass mein Kollege die Prosciutto nimmt und ich die Salami, sondern auch, dass ich am Anfang „Hallo, ich würde gerne vorbestellen“ sagen muss und am Ende „ok, wann kann ich das abholen?“ und manchmal schreibe ich noch dick „verabschieden!!“ auf den Block. Ich übe seit Jahrzehnten die Floskeln, die man bei Bäckern und Metzgern und Apothekern und Ärzten braucht, ich habe tausende male im Kopf „Nein danke, das ist alles“ und „danke, Ihnen auch“ geübt, und manchmal geht das jetzt mit 40 schon fast von alleine.

Aber Pizza und Bäcker ist ja relativ einfach. Relativ. Der Ablauf bleibt immer derselbe, die Sätze auch, und ich bemühe mich, immer schon vorher zu wissen, was in der Theke liegt, was ich zahlen muss, was im Angebot ist und wie die Waren alle korrekt heißen, damit ich nicht ins Schwimmen gerate. Wenn wichtigere Gespräche bevorstehen, oder beispielsweise eine Geburtstagseinladung, dann kann einen das alles aber schon mal den Nachtschlaf kosten, denn: sobald das Gegenüber mehrere Antwortmöglichkeiten hat, muss man für jede eine eigene Antwort planen, und dann gibt es da wieder neue Verzweigungen, und…. aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Heute morgen war ich also beispielsweise beim Metzger, und ich hatte mir natürlich im Kopf längst bereit gelegt, was ich sagen muss: „Grüß Gott, ich hätte gerne ein halbes Pfund Hinterschinken, bitte in dicken Scheiben.“ Und ich hatte auch geplant, dass ich „für einen Auflauf“ dazu sagen kann, falls die dicken Scheiben unklar sind. Dann fragte die Verkäuferin aber unerwartet „wie dick denn? Einen halben Zentimeter?“, darauf war ich nicht vorbereitet, also wiederholte ich einfach: „für einen Auflauf“, und dann sagte sie, das hätte sie schon gehört, wie dick die Scheiben denn sein sollen, und ich dachte noch im Kopf, dass jetzt sowas wie „gerne auch noch dicker als das“ passend wäre, aber dann war es schon zu spät und mein Mund sagte nur „ja doch, mhhhbbbb“, weil ich ja keinen Satz geplant hatte und sie schaute mich etwas unsicher an und schnitt dann einfach Scheiben mit einem halben Zentimeter. Ich schaffte es auch noch, die 200 gr gemischten Aufschnitt zu nehmen, schaffte es aber nicht, die Wurst mit den Pilzen und den Bierschinken wegzulassen, den die Kinder nicht mögen, denn auch da war ich nicht vorbereitet und hätte nicht gewusst, wie ich das so schnell sagen kann, also habe ich doch alles gemischt und die Pilzwurst esse dann ich. Jetzt bin ich erst mal erschöpft, das mag albern klingen, aber so fühle ich mich danach immer.

Und deshalb gehe ich an manchen Tagen einfach zu meinem Lieblingssupermarkt, nehme mir meine warmen aufgebackenen Brezen aus dem Fach, ohne jemanden anzuschauen, ohne Sätze bereit zu legen, kaufe mir ohne schlechtes Gewissen eine Packung in Plastik verpackten Schinken und gehe zur Kasse, wo ich seit 20 Jahren nur „bar“ oder „bitte mit Karte“ und „schönen Tag“ sage, das geht. Und an anderen gehe ich wieder zum Metzger, denn die Waren sind wirklich gut, und vielleicht kann ich in zehn Jahren ja Wurst bestellen, ohne sie vorzuplanen, denn hey: vor 20 Jahren habe ich an Wursttheken noch gar nie bestellt. Man lernt ja dazu.

Ausblick – 2019

Für dieses neue Jahr habe ich wenige feste Pläne, mehr Wünsche und Hoffnungen. Vieles ist noch offen und ungewiss und ich muss schauen, wohin es mich treibt.

Ich wünsche mir, dass der neue Job so erfreulich bleibt, wie mein erster Eindruck ist. Dass mir das Umfeld erlaubt, wieder dauerhaft Spaß am Arbeiten zu haben. Und natürlich, dass auch ich die Erwartungen erfülle, die dort zweifellos in mich gesetzt werden, dass ich die Probezeit überstehe und anschließend ruhiger schlafen kann.

Ich wünsche mir, dass ich wieder Gelegenheiten zum Reisen finde. Mit und ohne Kinder. Kurz und lang. Einen Sommerurlaub, vielleicht sogar wieder auf Langeoog, vielleicht diesmal ganz woanders. Noch habe ich nichts geplant und bin ganz froh darum, weil ich nicht in den ersten Arbeitstagen mit dem Urlaubszettel wedeln möchte. Wenn im Job alles wie geplant verläuft, wird mir das aber mindestens einmal London verschaffen, und auch darauf freue ich mich.

Ich wünsche mir, dass das große Kind den Übergang in die weiterführende Schule stressfrei übersteht, wo auch immer es hingehen mag. Dass er sich zurecht findet, neue Freunde findet und mit den vielen neuen Eindrücken gut umgehen kann.

Ich hoffe, jede Menge Menschen (wieder) zu sehen, die mir auf die unterschiedlichsten Arten etwas bedeuten. Gar nicht so wenige davon „aus dem Internet“.

Ich werde mich bemühen, jede Menge überfälliger Arzttermine anzugehen und hoffe, dass mir das in manchem Erleichterung bringt und ansonsten keine schlechten Nachrichten. Dass ich im wesentlichen gesund bleibe, genau wie die Kinder.

Ich möchte das Garderobeneck ausbauen und den wilden Garten in den Griff bekommen und endlich alle Kellerregale aufbauen, damit ich die Kisten besser einsortieren kann. Ich möchte mehr neue Rezepte ausprobieren und öfter Brot backen. Häufiger zum Friseur gehen, weil mir die neue Haarlänge gut gefällt. Etwas für andere tun. Konsequenter trainieren. Mehr spazieren gehen. Flurwände streichen. Gelassener sein. Ein Sofa aussuchen. Viele Mails schreiben. Manchmal bloggen.

Ich wünsche mir, dass das Jahr mir Klarheit und Ruhe bringt, in welche Richtung auch immer.

Ein frohes 2019 wünsche ich euch allen – und uns.

Rückblick – 2018

Soeben habe ich beschlossen, dass ich gar nicht zu spät dran bin für einen kleinen Rückblick auf das vergangene Jahr, denn von wo lässt sich besser rückblicken als vom neuen Jahr aus?

2018 also. Nicht das einfachste Jahr, nicht das beste meines Lebens und eines, das mich an viele Grenzen gebracht hat. Ratlosigkeit und Überforderung und manchmal auch eine Portion Verzweiflung haben große Teile des Jahres bestimmt. Aber daneben gab es auch so viel gutes, tolles, neues, das ich gerne in Erinnerung behalte.


Reisen beispielsweise. Schon lange nicht mehr bin ich so viel und vor allem so oft gereist. Berlin, Langeoog, Vorarlberg, Bauernhofwochenende, Nierstein, Zillertal, Den Haag, Venedig. Das meiste mit den Kindern, einiges nur für mich alleine. Manchesmal mit anderen Menschen, mit Bekannten und Freunden und Unbekannten, viele davon aus dem Internet, manchesmal nur ich. Erholung hielt sich in engen Grenzen, das lag aber auch am Jahr im ganzen – ab einem bestimmten Level kann man von ein paar Urlaubstagen nicht mehr erwarten, als dass die Spirale sich immerhin nicht weiter abwärts dreht. Schön war es aber überall, sehr schön sogar. Und weil ich zu den Reisen so viel erzählen möchte, wird das wohl noch ein eigener Beitrag. Jedenfalls dankbar, dass ich diese Möglichkeiten hatte.


Mein Job – ein weiteres großes Thema in 2018. Ich war mittelmäßig unzufrieden, teilweise klar benennbar, teilweise nur ein diffuses Gefühl, so dass ich nicht mal sicher war, wieviel davon nur meine ganze Lebenslage widerspiegelte und was nun wirklich mit dem Büro zusammenhing. Aber mir waren zwei Dinge sehr bewusst: zum einen, dass ich einen gut bezahlten Job mit sehr familienfreundlichen, ach was, menschenfreundlichen Bedingungen und einen fürsorglichen Chef hatte, und das in einem Bereich, in dem ich unbedingt bleiben möchte; zum anderen, dass meine Energie erschöpft war und ich kaum Reserven für Jobanzeigen, Bewerbungsunterlagen und Absageenttäuschungen übrig hatte.

Also verharrte ich, wo ich war – bis Ende Oktober eine Bekannte eher flapsig anfragte, ob ich nicht zufällig auf der Suche nach was neuem wäre, da wäre was frei bei ihnen… Bei der ersten Nachricht lachte ich noch, dann ließ ich mir nach dem Motto „nichts zu verlieren“ beim Mittagessen ein paar Details nennen, darauf folgte zwei Stunden später ein Anruf, 3 Tage später ohne jede schriftliche Bewerbungsphase ein ungewöhnlich entspanntes Gespräch, bei dem eher das Unternehmen sich bei mir bewarb als umgekehrt, und nochmal 3 Tage und ein Dutzend Arbeitsproben später hatte ich bereits die mündliche Zusage des neuen Arbeitgebers oder eher die dringende Bitte, mich doch für sie zu entscheiden. Mir blieb nur noch, in der Woche bis zum nächsten Termin gut zu überlegen, ob ich diesen Wechsel wirklich will – aber ich wollte. Es fühlte sich alles gut und richtig an, ich konnte mir die Arbeitsbedingungen komplett aussuchen und auch sonst gab es schlicht nichts auszusetzen. Also unterschrieb ich, kündigte eine Woche später meinen bisherigen Job und hatte nochmal eine Woche später durch angesammelten Resturlaub frei für das restliche Jahr. Es ging alles so schnell und ohne jeden Widerstand, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, mir viel Stress oder Sorgen zu machen. Der Job flog mir zum richtigen Zeitpunkt zu.


Dieser Jobwechsel und noch ein paar weitere berufliche Erlebnisse haben meinem Selbstwertgefühl, mit dem ich generell eher auf Kriegsfuß stehe, durchaus einen überraschenden Schub gegeben. Es ist nicht so, als wüsste ich nicht, dass ich gewisse Dinge kann, ganz im Gegenteil. Mir ist theoretisch ganz gut bewusst, was ich leisten kann, was ich bieten kann, wo ich überdurchschnittlich bin (und wo ganz und gar nicht). Ich habe auch kein Problem, auf dieser Grundlage für mich einzustehen, mich zu verkaufen, zu fordern. Das alles aber auch so zu fühlen, ist eine Sache, an der ich seit über 20 Jahren arbeite. Dieses Jahr brachte mir einige Momente, in denen ich fühlen konnte, was ich sonst nur weiß, in denen ich spürte, dass meine Gesprächspartner mich und meine Berufserfahrung, mein Wissen wirklich ernst nehmen. Dass ich etwas bieten kann, das für andere wertvoll ist. Es wird immer mein Thema bleiben und mir immer mehr gewälzte Gedanken verschaffen, als notwendig wäre, aber das war gut. Das war schön. Und im hinteren Eck meines Hirns steht immer noch ein staunendes, schüchternes Mädchen, das mit keinem spricht und nicht ganz fassen kann, wie ihm geschieht.


Ähnlich in anderen Bereichen. Man ist mit 40 ja nicht halb so abgeklärt und angekommen, wie man das mit 20 vielleicht vermutet hatte. Trotzdem sehe ich Fortschritte. Langsame, schrittweise, nachhaltige Fortschritte. Das Jahr zwang mich geradezu dazu, das Annehmen von Dingen zu lernen, die ich nicht ändern kann. Ich bin ganz tief innen durchaus jemand, der gerne alle Situationen überblicken und im Griff haben möchte – bei allem Chaos und Durcheinander, das ich lebe. Und wenn ich sie noch nicht im Griff habe, dann suche ich nach Mitteln, wie ich das besser erreichen kann, wie ich noch mehr tun kann. An einen Punkt zu kommen, an dem man nur aushalten kann, fällt mir nicht ganz leicht. Ich habe gelernt, durchzuatmen und zu sortieren, welche Dinge veränderbar sind und welche nicht. Und dann das zu ändern, was in meiner Macht steht, so weit ich es kann. Und dann noch mehr zu atmen. Ja, das ist nun wahrlich keine bahnbrechende Erkenntnis, eher eine Weisheit von Omas Kalenderblatt, aber noch nie so bewusst gelebt wie dieses Jahr.


Einige Dinge habe ich angeschafft, die schon lange auf meiner Wunschliste standen, und dafür meine strikten selbst auferlegten Finanzregeln (das ist eine eigene Geschichte) zum ersten Mal bewusst gebrochen. Dinge, die gleichermaßen nützlich wie luxuriös unnötig sind, wie etwa den Staubsaugerroboter und mein Tablet mit Eingabestift. Keine Sorge, die Regeln waren deutlich strenger, als es derzeit erforderlich ist und so bleibt beim Nachfühlen nur Zufriedenheit mit den neuen Gadgets. Ganz neu für mich. Die Regeln bleiben trotzdem, denke ich, zu meiner eigenen Beruhigung und auch, weil es meist gar nicht nötig ist, sie zu brechen.


Ich habe dieses Jahr bestätigt bekommen, was ich eigentlich schon immer glaubte: dass das Gerede von „man schafft alles, wenn man muss“ und „jeder bekommt so viel, wie er tragen kann“ schlicht und einfach pauschalisierter Unsinn ist. Dass ich Grenzen habe, körperliche Grenzen, psychische Grenzen, Belastungsgrenzen, an die ich dieses Jahr zwar erwartbar, aber doch beängstigend oft gestoßen bin. Dass vieles auf der Strecke blieb in diesem Jahr, sehr oft der Haushalt, oft mein Umfeld, oft ich, manchmal leider auch die Kinder. Aber auch hier sehe ich es als Fortschritt, dass ich (nicht erst jetzt, eher kontinuierlich seit Jahren) immer mehr aufhöre, mich dafür zu hassen. Ich versuche nicht mehr, diese Grenzen mit aller Gewalt zu verschieben und hinterher verzweifelt und voller Scham im Eck zu sitzen, weil ich wieder nicht geschafft habe, was ich schon letztes Mal nicht konnte. Ich bin umgeschwenkt darauf, meine Grenzen und alles, was ich nicht perfekt kann, so anzunehmen und stattdessen Wege zu suchen, damit umzugehen. Das bedeutet übrigens auch nicht, wie oft behauptet, Stillstand und Rückschritt und keine Lust, etwas zu ändern. Im Gegenteil – seit ich übe, diese Dinge als Teil von mir zu akzeptieren, erreiche ich im Ergebnis mehr denn je. Geschickt mit dem Strom schwimmen, statt sinnlos gegen die Strömung zu kämpfen. Eine sehr interessante Erfahrung.


Ich war bis auf einige gröbere Infekte nicht richtig krank, aber dennoch haben sich so manche meiner chronischen Wehwehchen zu ausgewachsenen Lästigkeiten entwickelt. Der sonstige Stress ist nicht die Ursache, aber sicher auch keine Hilfe; und umgekehrt sorgt es für zusätzlichen Stress, wenn Dinge nicht so tun, wie sie sollen. Man hat sich mein Blut angeschaut und meinen Magen und einiges steht noch aus, man hat Medikamente versucht und sinnlose esoterische Ratschläge gegeben. Nein, nichts davon ist lebensbedrohlich und ja, ich bin dankbar, dass in meinem Körper nur das wächst, was da hinsoll und ich alle Körperteile zur Verfügung habe. Aber man kann gleichzeitig froh sein, nichts schlimmeres zu haben und trotzdem laut sagen, dass ständig wiederkehrende Hintergrundschmerzen die Lebensqualität nicht gerade erhöhen. Man kann feststellen, dass es einem nicht perfekt gut geht und dabei wissen, dass es auch schlimmer geht. Man kann laut jammern, ventilieren und gleichzeitig tun, was zu tun ist. Ich bin so.


Den Kindern geht es gut, allein das ist großes Glück. Es gab hier mal Sorgen und dort ein paar Gedanken mehr, als man möchte, es gab MRTs und EEGs ohne schlimme Befunde, es gab Momente, in denen man unsicher war, wie dieses Elternding eigentlich richtig geht, ohne dabei etwas kaputt zu machen, aber alles in allem: the kids are alright. Sie sind ziemlich viel größer geworden und ein ganzes Stück selbständiger. Beide gehen seit letztem Jahr ins Turnen und spielen seit Sommer ein Instrument, einmal Geige, einmal Gitarre. Sie haben ihre Freunde im Viertel und bewegen sich hier frei. Eine hat den Übergang in die Schule trotz großer Herzschmerzen und Freundinnenabschiede gut gemeistert, der andere schlägt sich ganz wunderbar durch das bayrische Übertrittsjahr, sie sind gesund und kommen drinnen und draußen irgendwie zurecht auf dieser Welt. Mit all ihren Eigenheiten.


Was noch? Ich wurde 40 und habe das maximal unspektakulär mit einem Stück Kuchen bei IKEA gefeiert und einen lieben Blumenstrauß aus dem Internet bekommen. Ich habe kürzere Haare denn je (etwas über kinnlang) und friere mehr als früher. Ich schminke mich konsequenter als je zuvor nicht, nutze aber zum ersten mal konsequent täglich liebgewonnenes Duftzeug (Happy Buddha). Ich habe Leggins und Schlumperhosen für zuhause entdeckt und hasse Blusen bügeln immer noch von ganzem Herzen. Ich spiele wieder PokémonGO und lege (nicht nur dafür) überraschend viele Kilometer zu Fuß zurück. Ich war nicht im Kino, nicht auf Konzerten und außerhalb von Reisen sehr selten beim Essen. Ich habe 6kg abgenommen, ohne sehr viel dafür zu tun, und besitze jetzt zwei Jeans in 46. Ich habe zu wenig gebastelt, zu wenig musiziert, zu wenig gelesen, zu wenig gekocht, zu wenig gegeben, zu wenig für andere getan, zu wenig für mich getan. Ich habe viele Menschen getroffen und wieder getroffen und doch mehr Kontakte vernachlässigt, als ich möchte. Ich habe so schlecht geschlafen wie immer, aber besser damit gelebt. Ich bin dankbar, dass wir keine Geldsorgen haben und immer noch darüber, dass wir das Glück mit diesem Haus hatten.

Ich bin erschöpft, auch verunsichert, aber wach und bereit für dieses neue Jahr. Hallo 2019.

Vorfreude und Packunlust

Morgen abend, genau genommen in 36 Stunden, werde ich schon im Nachtzug sitzen und hoffentlich durch Österreich und Italien zuckelnd eine akzeptable Nacht dort verbringen, bevor ich am Sonntag morgen dann bereits in Venedig stehe. Venedig! Aus der lose angedachten Schnapsidee „wohin komme ich von hier eigentlich mit dem Zug?“ vom letzten Wochenende wurde in kürzester Zeit ein handfester Plan. Zug und Hotel sind nach ausführlicher Recherche längst – also seit drei Tagen –  gebucht, ich habe eine Übersicht über Sehenswürdigkeiten, verschiedene Stadtviertel und Nahverkehr (in der Form von Booten), der Wetterbericht klingt mit sonnigen 9 bis 13 Grad perfekt und die gespeicherte Liste kulinarischer Anlaufpunkte hält mich notfalls erst mal eine Weile über Wasser. Eigentlich ging das alles so schnell, dass ich es selbst noch kaum fassen kann. Morgen schon!

Auch die Kinder waren erstaunlich kooperativ, sie merkten zwar an, dass sie auch gerne mitgefahren wären, wenn keine Schule wäre, aber ich da sicher viel Spaß haben werde und es sehr schön wäre dort. Ich soll ihnen Bilder schicken und was kleines mitbringen, das kriege ich hin. 

Nach einigen Überlegungen habe ich tatsächlich für beide Fahrten den Nachtzug gebucht, vielleicht schon allein, weil das mehr nach Abenteuer riecht als 7 Stunden im EC sitzen. Außerdem: zwei halbe Tage mehr Venedig! Bericht folgt bestimmt, und dann erzähle ich euch vielleicht auch noch, wie das schwanger mit Kleinkind im Nachtzug nach Hamburg war (überraschend gut) oder wie wenig ich damals ganz freiwillig in ukrainischen Nachtzügen geschlafen habe (Vodka, Speck und Schwarztee). Aber das ist eine andere Geschichte. Oder zwei.

Das Einzelzimmer in dem kleinen, aber feinen Boutique-Hotel im Viertel Cannaregio wurde mir letztendlich fast hinterher geworfen, 54 EUR pro Nacht zahle ich mit Frühstück. Schon für normale Verhältnisse sehr in Ordnung, für Venedig fast geschenkt. Natürlich musste ich neugierig überprüfen, was dasselbe Zimmer zu anderen Zeiten kostet: unter der Woche im März 123, von Mai bis September an Wochenenden zwischen 180 und 240 pro Nacht. Jetzt weiß ich auch wieder, wieso ich in den letzten 20 Jahren nicht in Venedig war. Dass der Dezember drastisch günstiger sein könnte, war mir bisher nie in den Sinn gekommen, und realistisch gesehen hatte ich im Advent ja auch nie Zeit. – Wenn’s schön dort ist, empfehle ich es euch hinterher gerne. 

Hier zuhause dagegen bin ich immer noch nicht wesentlich weiter, mir fehlt der Antrieb, die Zeit scheint zu kurz für alles, es lohnt sich gar nicht recht, jetzt noch im Keller anzufangen oder gar eine Garderobe zu bauen. Gestern zwei, drei „Kinderkleidung zum Verkaufen“-Kisten aufgemacht und darin eine meiner lang vermissten Business-Blusen gefunden, offenbar sollte ich das Zeug doch nicht ungesehen abgeben. Ich bin zu müde, das Haus ist zu chaotisch, die Kinder sind zu anhänglich, es gibt zu viel zu tun. Ich habe noch kein einziges Weihnachtsplätzchen gebacken, was mir das kleine Kind besonders übel nimmt („ALLE anderen in der Klasse haben aber schon gebacken!„) – ich finde, das ist eine tolle Beschäftigung für die Kinder am Sonntag, oder? Während ich am Markusplatz sitze. Die Dekokiste hole ich vielleicht heute noch hoch, wenn ich sie finde. Gerade noch 3 Wochen bis Weihnachten, zwar sind die Kindergeschenke praktisch vollständig, aber sonst habe ich noch absolut gar nichts für niemanden, keine Karten vorbereitet, kein Päckchen gepackt. Theoretisch wären da so viele, denen ich von Herzen Wünsche und Geschenke und Plätzchen schicken möchte, ehrlich. Praktisch dagegen…

Am Mittwoch,  3 Stunden nach meiner Rückfahrt im Nachtzug, habe ich nochmal einen Arzttermin, um dauerhafte Energielosigkeit und komische hartnäckige Rippenschmerzen und Ekzeme und Magenschmerzen und anderen Käse noch weiter abklären zu lassen. Diesmal aber ausdrücklich bei der anderen Ärztin, auf einen weiteren „das würde ihnen ein Schulmediziner gar nicht sagen„-Paleodiät-Vorschlag kann ich sehr gerne verzichten, bitte danke. Von da werde ich direkt weiter zum Elterngespräch in der Schule gehen. Und am Abend zum Infoabend der weiterführenden Schulen, auch das wird jetzt konkret und graust mir schon ein bisschen. Wie ich schon sagte, es gibt viel zu viel zu tun. 

Überwinden muss ich mich jetzt trotzdem, die Packliste für Venedig ist geschrieben und hoffentlich vollständig, theoretisch muss ich nur noch alles in mein Köfferchen werfen, praktisch vielleicht auch noch das ein oder andere waschen oder suchen. Und dann wartet Venedig auf mich! 4 Nächte, 3 Tage nur ich, nur ausschlafen, leckere Dinge essen, Kaffee trinken, Vaporetti im Kreis fahren, bis es mir zu blöd wird, durch die Gassen schlendern, kein Ziel, kein Programm. Ich freue mich sehr darauf, auch wenn es noch unwirklich ist.