#tageskliniktalk 01: Psychosomatische Tagesklinik, was ist das eigentlich?


Wie bereits erwähnt bin ich seit knapp 4 Wochen Patientin einer psychosomatischen Tagesklinik. Aber was ist das überhaupt?

Eines gleich vorweg, ein großer und wichtiger Disclaimer bei so einem Thema: was ich hier beschreibe, sind meine subjektiven Erfahrungen, gemischt mit meinem recherchierten, aber dennoch laienhaften Wissen (und einem nicht voll funktionierenden Kopf). Ich kann auch nur von genau dieser Tagesklinik aus meiner persönlichen Sicht und unter Corona-Sonderbedingungen berichten; vieles mag in einer anderen Klinik wieder ganz anders funktionieren, oder von anderen Menschen anders erlebt werden. Sollte jemand fachlichen Hintergrund haben und Fehler bemerken, bitte gerne korrigieren!

Eine Tagesklinik ist zunächst mal eine Klinik, die man nur tagsüber aufsucht und dann als Patient (spätestens) abends wieder nach Hause geht – also eine Klinik ohne Betten. Solche Einrichtungen existieren in vielen medizinischen Bereichen. Es gibt beispielsweise chirurgische Tageskliniken, in denen ambulante Operationen durchgeführt werden, nach denen man sich dann zuhause erholt; Tageskliniken, in denen Tumorpatienten betreut werden und dort z.B. in regelmäßigen Abständen Chemotherapie erhalten; Schmerzkliniken; geriatrische Tageskliniken für alte Menschen, und sicher noch viele andere, die ich nicht kenne. Und dann gibt es eben psychiatrische und psychosomatische Tageskliniken wie „meine“.

Noch eine Begrifflichkeit: die Psychiatrie behandelt alle psychischen Erkrankungen und Störungen, was ja ein wirklich weites Feld ist, von der „Volkskrankheit“ Depression über Psychosen, ADHS, Zwänge, Suchterkrankungen, Demenz, und so viele mehr. Die Psychosomatik ist erst mal ein Teilgebiet der Psychiatrie und betrifft – so weit ich es verstehe – eigentlich die Gebiete, in denen psychische Erkrankungen auch somatische, also körperliche Symptome mit sich bringen. Schmerzen, Schlafstörungen, alles mögliche. Bei Depression keine Seltenheit. Dann wieder scheint es speziell bei den Facharztausbildungen irgendwie eine Überlappung zwischen den Begriffen Psychosomatik und Psychotherapie zu geben, und bevor ich hier nun falsche Dinge verbreite, könnt ihr beispielsweise hier ausführlich nachlesen, wie sich die Teilgebiete unterscheiden. Meine Tagesklinik ist jedenfalls eine psychosomatische, die zentral auf einer bestimmten Ausrichtung der Verhaltenstherapie basiert, wobei die Verhaltenstherapie ergänzt und unterstützt wird von medikamentöser Behandlung (wo nötig und gewünscht), von Sport, Körper- und Kunsttherapie.

In der Tagesklinik, in der ich bin, werden nur relativ stark eingegrenzte Störungsbilder berücksichtigt, nämlich Depressionen/Burnout und Borderline-Störungen, die jeweils in getrennten Gruppen behandelt werden. Alles andere bleibt hier außen vor. Es kann allerdings sein, dass jemand zusätzliche Erkrankungen und Probleme hat, die dann bei Bedarf während des Aufenthalts mitbehandelt werden, solange sie nicht im Vordergrund stehen. Auch innerhalb dieser beiden Diagnosen gibt es weitere Einschränkungen, um in der Tagesklink aufgenommen zu werden. Beispielsweise muss mindestens eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert sein, eine leichte reicht nicht, dagegen muss man aber wenigstens so weit noch funktionsfähig sein, dass man 8 Wochen lang jeden Tag pünktlich morgens vor der Tür steht und den ganzen Tag dort übersteht. Natürlich gibt es auch Menschen, die so tief in einer Depression stecken, dass sie auch das nicht mehr schaffen – da wird dann eher zu einem vollstationären Aufenthalt geraten. Es gibt eine ganze Reihe an weiteren Rahmenbedingungen, etwa eine untere Grenze für den BMI, eine Verpflichtung zum absoluten Verzicht auf Alkohol oder gar andere Drogen während der gesamten Zeit, und so weiter. Alle beruhen darauf, dass man insgesamt in der Lage sein sollte, dem vorgegebenen Behandlungsprogramm zu folgen, natürlich mit vielen Hilfestellungen durch die Klinik, aber dazu später mehr.

Sind diese Bedingungen alle erfüllt, kann man seine Anmeldebögen ausfüllen und zusammen mit Bericht und Einweisungsschein eines einweisenden Therapeuten oder Psychiaters an die Klinik schicken. In meinem Fall wurde ich dann zwei Wochen später zu einem Vorgespräch mit einer Therapeutin geladen, in dem noch einmal das ganze Beschwerdebild, bisherige Behandlung und sonstige Hintergründe kurz besprochen werden. Hier kann grob abgeklopft werden, ob die Diagnose stimmig ist und ob das spezifische Programm der Tagesklinik gut zu den vorhandenen Problemen passt. Dort habe ich grünes Licht bekommen, eine Woche später kam der Anruf mit dem Aufnahmetermin und noch eine Woche später hatte ich meinen ersten Tag in der Klinik. Insgesamt also vier Wochen Wartezeit ab Anmeldung, doch wie ich schon in Gesprächen erfuhr, gehen diese Wartezeiten je nach Klinik sehr, sehr weit auseinander.

In der Tagesklinik hält man sich dann also an Werktagen tagsüber auf. An Wochenenden und Feiertagen ist man zuhause. Wir haben eine Anwesenheitspflicht in der Tagesklinik von 8:30 bis 17:00, die auch in den Morgen- und Abendrunden kontrolliert wird. In den Pausen dazwischen kann man das Haus allerdings durchaus verlassen, solange man pünktlich zum nächsten Termin erscheint, wir sind nicht „eingesperrt“. Das bedeutet für uns in der Weihnachtszeit auch, dass wir zwar an den Feiertagen zuhause sind, aber „zwischen den Jahren“ ganz normales Programm haben und beispielsweise am 24. und 31. Dezember bis mittags in der Klinik sein müssen. Die Anwesenheitspflicht mag einem relativ streng vorkommen, aber leuchtet eigentlich ein, wenn man an den Aufenthalt in einer stationären Klinik denkt, von der man sich ja auch nicht einfach einen Tag verabschiedet. Sollte man wirklich unvermeidbar einmal früher los müssen, kann man mit seinen Therapeuten/Oberarzt darüber sprechen und je nach Situation die Erlaubnis bekommen. Externe Arzttermine können schon aus Versicherungsgründen in dieser Zeit nicht wahrgenommen werden (außer in Notfällen), aber wir haben eine Internistin im Haus, die sich um nicht-psychische Beschwerden kümmert.

Innerhalb dieser verpflichtenden Anwesenheitszeiten hat man dann einen mal mehr, mal weniger gefüllten persönlichen Stundenplan aus Behandlungsterminen. Die meisten Therapien sind Gruppentherapien aller Art, die man gemeinsam mit einer festen achtköpfigen Gruppe verbringt. Zu den Gruppen gibt es viel zu sagen, die werde ich in den kommenden Wochen genauer vorstellen. Daneben hat man eine Einzelstunde Verhaltenstherapie pro Woche und einen Kurzkontakt mit der Therapeutin. Ganz am Anfang und später bei Bedarf kommen weitere Einzelgespräche dazu, Aufnahmegespräche, Termine bei Psychiater und Internistin, elektronische Fragebögen. Und zwischen den Terminen hat man immer wieder ein, zwei, drei Stunden Pause. In dieser Zeit kann man sich in der Klinik einen Platz suchen, es gibt Ruheräume mit Liegesesseln, es gibt ein Arbeitszimmer mit Tischen und Steckdosen, es gibt verteilte Stühle in irgendwelchen Ecken und es gibt die Cafeteria, leider momentan durch Corona alles eingeschränkt nutzbar und damit viel weniger Platz als sonst. Ebenso kann man aber auch die Klinik verlassen, lange Spaziergänge unternehmen, Besorgungen machen, Kaffee holen, jemanden besuchen, ganz wie man mag. Inzwischen haben wir auch regelmäßig Aufgaben, die wir bis zu den nächsten Therapiestunden bearbeiten sollen (auch dazu noch später mehr), auch die kann man ganz gut in seinen freien Stunden erledigen.

Auch speziell ist, dass hier ein vorgefertigtes Programm von vorne bis zum Ende durchlaufen wird und damit auch die Aufenthaltsdauer feststeht. Unser Programm für die Depressionsgruppen dauert 8 Wochen, dazu kommen eventuell noch ein paar Tage für die gestaffelte Aufnahme und Einführungsveranstaltungen. Weder kürzere noch längere Aufenthalte sind vorgesehen, so dass das ganze gut planbar ist. Die Borderlinegruppen sind dagegen meines Wissens für 12 Wochen in der Klinik und haben ein abgewandeltes Programm – aber auch hier fehlt mir die eigene Erfahrung.

Da man den ganzen Tag in der Klinik verbringt, gibt es natürlich auch eine Kantine, in der wir Mittagessen bekommen. Glücklicherweise werden wir dort wirklich verwöhnt, keine Spur von beigem Krankenhausessen! Kaffee, Frühstück und Kleinigkeiten zwischendurch bezahlt man selbst, wie man das auch aus einer Klinik-Cafeteria kennt. Wasser und Obst stehen den ganzen Tag kostenlos zur Verfügung.

Der Aufenthalt wird von gesetzlichen Krankenkassen vollständig bezahlt, wie das mit privaten Kassen funktioniert, kann ich euch leider nicht sagen. Nicht einmal die 10 EUR tägliche Zuzahlung, die man von stationären Aufenthalten kennt, werden hier fällig. Was für ein großes Glück dieses Gesundheitssystem doch ist, denke ich oft – ohne hier eine Diskussion beginnen zu wollen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht nachdenken musste, ob ich mir eine Tagesklinik überhaupt leisten kann.

Insgesamt wirkt die Tagesklinik auf den ersten Blick nicht wie eine Klinik, sondern vielleicht wie eine Schule mitten in der Stadt, ein Fortbildungszentrum. Menschen tummeln sich mit Ordnern und Unterlagen wartend vor den Gruppenräumen, machen sich im Arbeitsraum Notizen, suchen den nächsten Raum auf ihrem Stundenplan, verabreden sich zum Kaffee. Erst auf den zweiten Blick sieht man die Oberarztschilder, die Termine zum EKG auf dem Stundenplan, die Medikamente im Postfach. Man ist nicht in Klasse 5, sondern auf Station 1, das Sekretariat heißt Patientenservice, es gibt zweifellos mehr sichtbare Emotionen überall, und die mitgehörten Gespräche drehen sich nicht nur um das Wetter, den neuen Pulli und ein gutes Kochrezept, sondern auch um psychische Krisen, um das nicht aufstehen können, um kleine Hilfsmittel.

Soweit also das Grundgerüst. Beim nächsten Mal erzähle ich euch dann genaueres zu unserem Tagesablauf und den Therapien – ohne allzu viele Details aus den Gruppen, denn „was hier gesagt wird, bleibt hier“ ist eine goldene Regel, und das ist gut so. Und falls ihr genau jetzt gerade überlegt, ob ihr mehr Hilfe braucht, als ambulant möglich ist, dann schaut euch doch eine Tagesklinik in eurer Nähe einfach besser heute als morgen an! Ich bin sehr froh, das getan zu haben.







Was war. Was ist.

Für die meisten bin ich hier online im Sommer von der Bildfläche verschwunden. War alles ein bisschen viel, zu viele Diskussionen, zu viele Antworten, zu viele Informationen, zu viel zu lesen, zu viel zu denken. Mir ging es schon davor nicht gut. Mein Kopf tat nicht mehr so, wie ich wollte oder musste, Schlaf war mit durchschnittlich 3 Stunden pro Nacht absolute Mangelware. Urlaub half ebenso wenig wie unzählige Bergwanderungen, die ich hier vielleicht in nächster Zeit auch noch verbloggen möchte. Dann kamen weitere Symptome dazu (irgendwas mit dem Nervensystem, wie Panik ohne Panik, wie ein extremer Schmerz ohne Schmerz, aber dazu vielleicht andersmal) und zwangen mich endgültig in die Knie. Kopf streikte. Krankschreibung. Nichts ging mehr. Erst mal für zwei Wochen, so war der Plan. Mit viel Glück fand ich relativ schnell einen Psychotherapeuten für Akutsprechstunden, dann zügig Medikamente, welche die quälendsten Anteile erfreulicherweise wegnahmen und mir immerhin endlich Schlaf bescheren.

Jetzt zeigt der Kalender Ende November, genau 4 Monate später. Zwar wurde in den vergangenen Wochen alles nicht schlimmer, aber eben auch nicht besser – stabil auf niedrigem Niveau wäre die korrekte Beschreibung. Es gab kleine Schwankungen, mal einen Wechsel des Medikaments, zeitweise fehlte der Antrieb komplett und ich saß stunden- und tagelang auf Stühlen, Sofas und Bergbänken, ohne aufstehen zu können. Therapieplätze sind weiterhin Mangelware, da muss man schon um einen Termin alle 14 Tage froh sein. Der nicht funktionierende Kopf belastet ebenso wie das komplette Wegbrechen des normalen Arbeitsalltags. Kontakte, Tagesstrukturen, Beschäftigung, Abwechslung, alles weg.

Die ersten vorsichtigen, ziemlich früh aufkommenden Vorschläge von Ärztin und Therapeut zu stationärer oder teilstationärer Behandlung hatte ich weggewischt. Klinik? Bloß nicht! Und so schlecht geht es mir doch wirklich nicht! Ich ruhe mich jetzt ordentlich aus, sortiere alle Baustellen, und dann wird das mit ambulanter Therapie schon wieder gehen. Aber mit der Zeit sickerte auch in mir die Erkenntnis durch, dass so gar nichts voran geht. Anfang Oktober packte ich alle meine Vorurteile zu Klinikalltag, Gruppentherapie und Achtsamkeitsübungen beiseite und machte mich zum Infoabend einer psychosomatischen Tagesklinik auf. Ob mir das ganze zusagen oder helfen würde, konnte ich danach nicht sagen. Aber mir erschien alles sinnvoller, als weiter einsam und alleine in den grauen Herbst hinein zu sitzen und zu warten, bis alles besser wird. Fünf Tage später ließ ich mir meinen Einweisungsschein geben und füllte die Anmeldung aus.

Gerade liegt die dritte Woche in der Tagesklinik hinter mir. Ich fühle mich viel wohler in der Klinik, als ich das je hätte erahnen können, und ich bin (meistens) einigermaßen optimistisch, dass der dort zugrundeliegende Therapieansatz mir helfen kann. Mein erster Schritt dorthin war – ihr kennt mich! -, alle möglichen Tageskliniken zu googlen, herauszufinden, wie es dort ist, was man dort wirklich den ganzen Tag macht, warum das helfen soll. Ich habe selbst mit intensiver Recherche erstaunlich wenig Berichte gefunden. Auch im Jahr 2020 haben psychische Krankheiten und ihre Behandlung wohl noch einen kräftigen Beigeschmack und verschwinden gerne im Hinterzimmer. Da ich aber ganz sicher weiß, dass ich nicht alleine damit bin, möchte ich hier vielleicht in nächster Zeit ein bisschen davon erzählen, wie es mir dort geht.

Im übrigen: ich weiß noch nicht, wieviel ich schreibe, und ich werde weiter nicht auf Twitter sein, um meinen Informationsfilter ein bisschen aufrecht zu erhalten. Ich weiß auch noch nicht, ob und wann ich auf Fragen antworte. Bis dahin müsst ihr euch mit dem Lesen zufrieden geben. Und irgendwann bin ich dann zurück. Bestimmt.

Kirschbaumkindheit

Meine Kinder haben etwas, das aus irgendeinem Grund für mich der Inbegriff von Kinderglück ist: Kirschbäume. Wir haben gleich zwei davon, und sie sitzen zu jeder Jahreszeit da drin, das kleine Kind ganz unten, das große Kind so weit oben, dass mir manchmal ein bisschen übel wird. Und wenn es dann endlich Juni ist, dann stehen sie davor und darunter und mittendrin und essen so viele Kirschen, bis sie keine mehr sehen können und die Finger rot gefleckt sind.

Vielleicht liegt es daran, dass es bei uns früher so gut wie nie Kirschen gab. Als gekauftes Obst einfach teuer, und oben im Hochschwarzwald wachsen keine Obstbäume mehr. Kirschen sahen wir nur, wenn wir ab und zu für Arzttermine und Einkäufe ins Tal fahren mussten, wenn die Kirschblüten unten schon die Landschaft weiß und rosa fluteten, während bei uns oben immer noch reichlich Schnee in den schattigen Ecken hing.

Einmal, da haben wir eine befreundete Familie in der Provence besucht, und die wiederum hatten Freunde, die ein ganzes Feld voller Kirschbäume hatten, und wir kamen gerade richtig, um nach der großen Ernte noch die Reste von den Bäumen zu lesen. Noch nie zuvor hatte ich so viele Kirschen gegessen. Kaum zu glauben, dass ich nun selbst zwei Bäume habe, wenn auch gemietet, aber hey – gemietete Kirschen schmecken nicht schlechter.

Ich muss inzwischen auch Abbitte leisten bei all denen, die ich im Geist so oft kopfschüttelnd getadelt habe, weil ich Bäume sah, an denen Unmengen von überreifen, verfaulenden Kirschen hingen, die niemand aberntete. Was wusste ich schon davon, wie viel Arbeit so ein ausgewachsener Kirschbaum macht und wie wenig Zeit einem bleibt für die Ernte, während Job und Schule und Regenwetter und Rückenschmerzen ganz normal weiter gehen. Was wusste ich schon von Kirschen, die plötzlich von Pilzen befallen werden und, gestern noch dunkelrot und prall, heute in rasender Geschwindigkeit unter den Fingern davon faulen, so wie es uns dieses Jahr mit einem Baum passiert ist. Was wusste ich schon von Jahren, in denen so viele Würmer in jeder Kirsche sind, dass irgendwann keiner mehr reinbeißen mag, so dass man sie einfach hängen lässt, so wie vor 3 Jahren. Was wusste ich schon davon, dass man Kilo um Kilo vom Baum holen kann und es trotzdem aussieht, als hätte ihn noch keiner berührt, weil einfach solche Unmengen von Kirschen daran hängen.

Wir haben dieses Jahr Kirschkuchen gemacht, Kirschsmoothies und Joghurt-Kirsch-Eis, Kirsch-Grieß-Auflauf und Rumkirschen. Wir haben Kirschen ins Müsli und an den Milchreis gekippt, wir haben eimerweise Kirschen pur gegessen, bis die Kinder darum baten, anderes Obst in die Schule mit zu bekommen, wir haben Kirschen verschenkt an die wenigen Leute hier, die keine eigenen Bäume haben, und wir haben bestimmt 10kg für die kommenden Monate eingefroren. Irgendwas wird uns damit schon einfallen.

Kirschbaumkindheit, das ist mein Bullerbü.

Dabei ist das natürlich albern. Die Kinder lieben die Bäume wirklich sehr, aber ich wette, sie messen ihnen nicht halb so viel Bedeutung zu wie ich. Dafür lauschen sie sehnsüchtig meinen Geschichten von früher, denn ich hatte eine Waldbeerkindheit – im September, gerade rechtzeitig, bevor der Winter zurück war, gab es auf dem Schulweg mannshohe Himbeersträucher mit den besten Himbeeren, die man finden kann, und der ganze Waldboden war sowieso voll von Heidelbeeren und manchmal auch Preiselbeeren. Uns wurde zwar eingeschärft, die Heidelbeeren nur zum Einkochen mit nach Hause zu bringen, wegen des Fuchsbandwurms, aber heimlich haben wir sie alle doch gegessen. Jeden Tag. Morgens ganz schnell, und mittags ganz viele. Bei uns werden Heidelbeeren geriffelt, mit der gespreizten Hand oder mit Holzriffeln. Heidelbeeren sind innen fast so dunkel wie außen, und wer nur die gezüchtete Kulturheidelbeere kennt, dem sei gesagt, dass man die beiden kaum in einem Atemzug nennen darf, so verschieden schmecken sie.

Und während also ich mir noch drei letzte schwarze Kirschen vom Baum stehle und die Zweige am Kinderzimmerfenster kratzen, was mir vor lauter gefühltem Reichtum fast die Tränen in die Augen treibt, möchten meine Kinder „nur einmal!“ dort sein, wo es Heidelbeeren gibt, so weit das Auge reicht.

Bullerbü ist vielleicht einfach immer anderswo.

Er ist’s!

Früher hätte ich in jugendlichem Leichtsinn behauptet, ich würde gern in einem Land leben, in dem immer nur Frühlingswetter ist. Heute sehe ich das etwas differenzierter, denn der gewohnte Wandel der Jahreszeiten hat auch schon was für sich, jede Jahreszeit bringt Dinge, auf die ich eigentlich nicht verzichten will.

Der Sommer beispielsweise ist toll, weil man ganze Wochen fast ausschließlich draußen verbringen kann. Weil es auch abends nach einem langen Arbeitstag warm genug ist, um im Garten zu sitzen. Ich mag laue Biergartennächte und blaue Schwimmbadtage mit den Kindern, ich mag Sommerurlaub und saftige Früchte bis zum Umfallen, von Pfirsich bis Wassermelone. Ich mag Waffeleis und Eiskaffee und kühle Cocktails mit viel Eis und barfuß gehen.
Aber ich hasse Stechmücken. Mich nervt, dass ich bei 25 Grad nachts nur noch mit nassen Tüchern bedeckt schlafen kann und mein Hirn bei 30 Grad die Funktion im wesentlichen einstellt. Ich ächze über die vielen Liter Sonnencreme, die ich auf mir und widerspenstigen Kindern verteilen muss, bis alles klebt, weil wir sonst gnadenlos verbrennen. Ich mag keine Gewitter. Ich mag nicht, wie mein Garten zunehmend vertrocknet und von der grünen Wiese irgendwann nur noch brauner Stoppelrasen übrig ist.

Dann kommt der Herbst. Ich liebe windige Herbsttage mit warmem Tee und Kürbissuppe. Ich mag die leuchtenden Farben an den Bäumen und die Kastanien in den Hosentaschen der Kinder. Ich mag die Erntetage und die Fülle, die da immer noch in den Obst- und Gemüsekisten liegt, Äpfel, Birnen, Kürbisse, Trauben. Ich mag dieses herbstgoldene Leuchten in unserem Garten und die ersten Laternen am Abend.
Aber ich mag nicht, dass es dann jeden Tag weniger grün und weniger bunt um mich herum wird. Ich mag nicht, dass ich wieder Socken tragen muss und die Winterjacken waschen. Ich mag die braunen, grauen Tage nicht, die meinen Kopf gleich mit trüb machen. Ich mag keinen Regenmatsch und ich mag nicht, wie der Wind durch unsere Fenster pfeift.

Winter. Ich liebe Schnee, je mehr, desto besser, obwohl ich nicht einmal Ski fahren kann. Ich mag Eiskristalle am Fenster und heißen Kakao. Ich mag den ganzen Weihnachtszauber sehr, von Plätzchen über Lichter und Tannenbäume bis hin zu alten Weihnachtsliedern. Ich mag Zimt und Orangenduft und dicke Gemüseeintöpfe.
Ich mag das Gefühl nicht, mehrere Schichten übereinander zu tragen. Mich nervt, dass meine Haut an den Beinen von Kälte offen und rissig wird. Mich graut vor den Tagen, an denen es morgens beim aufstehen dunkel ist und abends beim nachhause kommen schon wieder. Mir fehlen die Farben. Mir fehlt frisches Gemüse, das nicht gerade Kohl ist oder von weit her kommt. Ich kann auf Glatteis nicht laufen.

Und dann kommt der Frühling. Ich mag, wie es jeden Tag heller wird, als würde einem jemand einen Stein von der Brust nehmen. Die Temperatur ist perfekt, immer irgendwo zwischen dünner Regenjacke und TShirt, nicht zu viel, nicht zu wenig. Der kurz zuvor noch kahle Garten explodiert in Grün und wird einfach jeden Tag schöner. Ich mag Kirschblüten und Traubenhyazinthen. Ich mag Erdbeeren und Bärlauch und meinen Geburtstag und das erste Eis.
Ich mag nicht… ach ja. Das war der Punkt. Ich mag am Frühling eigentlich alles. Sogar, wenn es ein regnerischer Samstag wie heute ist – selbst der ist grüner, heller, fröhlicher als zu jeder anderen Jahreszeit.
Ja, er ist’s.

#WMDEDGT, März 2019

Die Frau Brüllen fragt einmal im Monat ins Netz: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“, und da ich jetzt ein Blog hier stehen habe, kann ich ja mal antworten. (Das Verlinkungstool klingt unpraktisch, ich spare mir das jetzt.)

6:20 Uhr: Wecker. Halb wach war ich eh schon und vor allem sehr müde, denn heute war so eine Nacht, in der sogar das große Kind irgendwann dringend kuscheln kommen musste und am Ende zwei Kinder und ich auf einer 1,40-Matratze gequetscht waren, also ich vor allem gequetscht, die beiden weniger, und außerdem war ich gestern abend unterwegs und zu spät im Bett. Also: müde.
Die Kinder sind mit aufgewacht und klagten über Bauchmuskelkater vom neuen Trampolin. Das wurde dann auch sofort wieder ausgiebig probiert, von ihnen und auch für ein paar Minuten zwischendrin von mir. Macht Spaß. Lässt fast den Zug verpassen.

Zum Zug gerannt wie jeden Tag, Zug erfreulicherweise erwischt. Ferien, daher viele Sitzplätze. Angenehm.
Gegen 8 am Hauptbahnhof, dort ein Croissant und eine Flasche Ingwertee gekauft (großartiges Zeugs), einen Abstecher in den Drogeriemarkt für unvermeidliches gemacht, das ich zuhause vergessen hatte. Dann zum Bus Richtung Büro, unterwegs noch zwei kleine Pokemon-GO-Raids mitgenommen, auf die fünf Minuten kam es auch nicht mehr an und ich möchte diese Quest abschließen.

Büro: Kaffee, Arbeit alleine, wie immer. Heutiges Thema waren Photodiodenverstärker, und damit hatte ich zuletzt in der Diplomarbeit zu tun, in der ich mit großem Übermut glaubte, sowas (ultraschnell, ultra stark verstärkend) bauen zu können und am Ende ein wenig demütiger war, aber immerhin einen gar nicht so üblen Photodiodenverstärker gebaut hatte. Jedenfalls ist das gute 15 Jahre her und die Fitzelchen, die davon hängen geblieben sind, halfen mir heute wenig. Unzufrieden mit dem Fortschritt.

Mittags gab es heute – einfach so oder weil Fasching ist oder weil halt – für die ganze Besetzung großes Weisswurschtfrühstück mit allem drum und dran, Brezen, Bier, Senf, Krapfen. War lecker und lustig.
Gestern erfahren, dass heute auch im neuen Büro nur ein halber Arbeitstag ist, das aber bei meiner ganzen Zeitplanung für März nicht eingerechnet gehabt, deshalb musste ich dann noch mal ran. Habe noch die einigermaßen dringenden und einigermaßen kleinen Dinge abgearbeitet, zwei Mails verschickt, die Photodiode weit weg gelegt für morgen und mir dann irgendwann nach 15 Uhr wenigstens noch einen halben halben freien Arbeitstag genommen.

Viel anzufangen war damit nicht – die Läden in der Innenstadt hatten faschingsbedingt alle zu, essen oder trinken wollte ich nach dem Mittagessen wirklich überhaupt nichts mehr, und das Wetter war auch nur so halb einladend grau. Also zu Fuß zum Bahnhof geschlendert, Fasching vermieden (das geht in München einfach, man darf nur nicht die Fußgängerzone betreten. Fasnet ist super, ich kriege freudiges Herzklopfen, wenn ich einen Schellengurt höre, aber Fasching und ich, wir werden keine Freunde.) Pokéstops und Pokémon mitgenommen, was ich gefunden habe, ersten Zug verpasst, zweiter Zug verspätet und schon hat man wieder unverhofft 45 Minuten am Hauptbahnhof verbracht. Kurz vor 17 Uhr und damit sehr früh zuhause gewesen.

Mit den Kindern Lasagne gemacht, noch ein bisschen Trampolin gehüpft, beide Kinder an ihre Musikinstrumente getrieben und altkluge Tipps gegeben, Lasagne gegessen, ein Kind in die Badewanne gesteckt, Dinge nachgelesen, Zwuckel beim freiwilligen und selbstgelernten Klavierspiel zugehört, Geld überwiesen, mit Knirps über den Hangout ein paar lustige gifs ausgetauscht (seine Handy-Lieblingsbeschäftigung) und mir die besten Dingse aus dem Guinness-Buch der Rekorde erzählen lassen.

logo, Sandmann, Kinder ins Bett, seither sitze ich mehr oder weniger so hier rum, und denke, dass ich eigentlich auch ins Bett sollte oder inhalieren sollte, weil meine Lunge weh tut, oder Trampolin hüpfen äh schwingen, aber vor allem eigentlich ins Bett. Ich kann das wunderbar über sehr lange Zeit hinweg nur denken und nicht tun, und während ich so dachte, dass ich ins Bett gehen muss und sehr sehr müde bin, flog mir ein #wmdedgt-Hashtag entgegen und mir fiel ein, dass ich das schon heute morgen eigentlich planen wollte und nunja: da ist er, mein Tag. Gute Nacht.

Sport – eine Odyssee.

Ich hatte auf Twitter kürzlich angekündigt, über Sporterfahrungen zu bloggen. Das habe ich bisher viele Jahre lang vermieden, denn zu groß ist die Befürchtung, dass das nur als fade Rechtfertigung abgetan wird, zu oft habe ich schon verdrehte Augen nach dem Motto „wenn man will, kann man auch“ gesehen und zu lange habe ich mir das dann sogar selbst vorgeworfen. Aber so ist es nicht. Heute denke ich aus vielen Gründen anders. Und weil ich mir das nicht mehr vorwerfe, kann ich unbeirrt weiter nach dem passenden Sport für mich suchen und mich dabei eigentlich ganz wohl fühlen. Und immer noch Spaß daran haben.
(Was ich übrigens auch nicht brauche, sind Tipps zu DER Sportart, die alles anders macht, zu der perfekten App, dem perfekten Kurs oder Mindset, oder medizinische Ratschläge. Ich frag‘ euch bei Notwendigkeit gerne, aber bis dahin dürft ihr mir glauben, dass ich mich ganz gut kenne.)

Also: so war das in den letzten 35 Jahren mit dem Sport und mir. Achtung, das wird lang.

Mein erster Sportkontakt abseits von Wandern und Spielplatztoben war Physiotherapie. Skoliose, angeboren. Ich durfte zuerst alleine mit dem Therapeuten turnen, danach auf Rezept in die Wassergymnastik, wo ich mit Schwimmflügeln zwischen lauter alten Damen in warmem Wasser hampelte (die Sinnhaftigkeit darf etwas bezweifelt werden), aber das schönste war, dass ich dadurch einmal pro Woche mit einem Elternteil stundenlang in die große Therme durfte.

Zweites: der Schulsport. Ich hatte eigentlich Spaß dort, ich mochte manche Spiele, ich mochte das Turnen an den Ringen und das Springen in die dicken blauen Matten. Nur gut war ich nie. Ich war lang, untergewichtig und schlaksig und meine Gliedmaßen taten selten das, was ich wollte. Ich war sehr langsam und rannte „komisch“, das wird mir bis heute nachgesagt. Ich sah Bälle grundsätzlich erst zu spät, so dass ich sie meist an den Kopf bekam, bevor ich reagieren konnte. Oder mich manchmal noch wegduckte. Hände und Füße waren nicht schnell genug. Ich kam nicht die Seile hoch und schaffte die Übungen am Reck nicht, ich konnte kein Rad schlagen und irgendwelche Bewegungsfolgen nachmachen war völlig unmöglich. Ich bekam 4er und 5er, das störte mich eigentlich nur, weil es die Gleichförmigkeit meiner sonstigen Noten durchbrach. Sonst war es nicht schlimm.

Auch außerhalb der Schule tat ich mir schwer. Schwimmen und Radfahren lernte ich erst irgendwann mit 10 bis 12 Jahren, so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls schon im Gymnasium. Im Rückblick sind meine Eltern fast daran verzweifelt, führten meine Arme und Beine zu den passenden Bewegungen, fuhren mich zum Üben zum Sportplatz, kauften Jahreskarten im Hallenbad im Nachbarort, meine Geschwister lernten schwimmen, fuhren Rad, fuhren Rollschuh, nur ich konnte nichts davon. Warum es irgendwann doch funktionierte? Keine Ahnung. Klick.

Schulsport im Gymnasium wurde schlimmer. Zum simplen Nicht-Können kamen jetzt Demütigungen, oft von Schülern, aber auch von Lehrern. Ich war immer noch dürr und schlaksig, Storch im Salat wurde ich genannt, und saß dann oft auf der Bank neben der Klassenkameradin, die 3mal so schwer war wie ich und beim gehen schnaufte und auch nicht mehr in Mannschaften gewählt wurde. Ich kam bei den Bundesjugendspielen nicht mehr weiter und blieb bis zum Ende der Schulzeit auf den gleichen Übungen, Rolle vorwärts -Strecksprung – Rolle rückwärts, 2 Punkte, Reckumschwung, 2 Punkte, irgendwas auf dem Schwebebalken. Ich bekam meine konstante Sport-Vier. Ich wurde ausgelacht, nach hinten gestellt, vor der ganzen Klasse beschimpft, aus Mannschaften gewählt, verspottet, als Strafe für andere wieder in Mannschaften zugeteilt (liebe Lehrer: tut das nicht.).

Das hat mich aber von nichts abgehalten. Ich habe mich für die Tennis-AG angemeldet und ein Jahr nachmittags Tennis gespielt (und nur selten getroffen, aber das stört doch keinen großen Geist). Ich bin ins Langlauftraining eingetreten, die Loipen hatten wir ja wortwörtlich vor der Haustür. Ganzjährig Kraft- und Konditionstraining, bei Schnee Training auf der Loipe. Ich war die langsamste im Laufen und lief trotzdem mit dem Verein meinen ersten 5km-Sommer-Lauf, ich bekam eine Schachtel Pralinen zum Trost, weil ich als allerletzte aller Altersklassen ins Ziel lief, während schon die Absperrungen abmontiert wurden. Ich hatte wie bei jeder anderen Sportart Probleme, Arme und Beine zu koordinieren und das Gleichgewicht zu halten und rutschte auf der Loipe gern mal die Abhänge rückwärts wieder hinunter, während mich die anderen zum dritten mal überrundeten. Slapstickreif. Aber niemand lachte hier, der Trainer feuerte mich trotzdem an und gab mir Tipps, alle nahmen mich selbstverständlich trotzdem wieder mit auf die Loipe, nur ein Skirennen konnte ich so nie fahren. War nicht schlimm, ich kam die Steigungen ja eh nicht hoch. Es waren schöne Abende, sowohl bei Flutlicht im Schnee als auch in der Sporthalle, und so blieb ich da viele Jahre. Bewegung hatte ich auch sonst genug, die Schule lag auf dem Berg ganz oben und mein Zuhause auf dem anderen Berg, da kam man zu Fuß und auf dem Rad schon auf ziemlich viele Höhenmeter im Alltag.

Mit etwa 15 bekam ich die erste ärztliche Sportbefreiung für ein halbes Jahr und jede Menge Salben und Physiotherapie, weil meine Knie ständig dick, rot und entzündet waren. Mir wurde erklärt, dass da irgendwie mein Körper in Entzündungsschüben meine eigenen Knorpel angreift, Autoimmundings, kann man nicht viel tun, nicht zu viel belasten, erst mal jetzt wieder Ruhe reinkriegen. Den Spott von Klassenkameraden und Lehrern verringerte das nicht, ich wurde teilweise offen als Simulant hingestellt, was vor allem deshalb im Rückblick lustig ist, weil ich nie im Leben nur auf die Idee gekommen wäre, irgendwas vorzutäuschen oder gar eine Schulstunde zu schwänzen. Nie. Ich war das übersteigerte schulische Pflichtbewusstsein in Person. Ich hatte eben nur Schmerzen in den Knien.

Dann Studium in der großen Stadt und damit jede Menge Möglichkeiten. Ich fuhr überall hin mit dem Fahrrad, weil das billiger war und endlich überall Fahrradwege und nirgends Berge waren. Ich ging mit meinen Studienkollegen zum Bergwandern. Ich machte einige Jahre immer wieder „Hüpfkurse“, Aerobic, Musikgymnastik oder wie sie auch alle hießen. Das war lustig, mein Problem blieb dasselbe – Arme, Beine, Koordination, Knoten. Ich war meistens darauf konzentriert, irgendwie der Bewegung der Vorturner zu folgen und dabei nicht in den Spiegel zu schauen, wo ich wahrlich wenig ästhetisch rüber kam. Alles in allem aber nett, wenn auch nicht meine Traumsportart.

Ich hatte einen neuen Freund und der fand Standardtanz super, also machte ich mit ihm einen Tanzkurz und fand das auch super. Ich kaufte Tanzschuhe und wir machten den Anfängerkurs gleich zweimal, weil Arme, Beine, ihr wisst schon, aber Musik und Bewegung? Großartig. Wir machten den Fortgeschrittenenkurs und wurden gestoppt, weil ich plötzlich massive Hüftprobleme hatte. Der Orthopäde rieb sich lang das Kinn, fragte, warum ich nichts von der Hüftdysplasie gesagt hätte, das müsse ich ja wissen, und ja, richtig, da war irgendeine Geschichte, dass meine Hüfte von Geburt an nicht ganz in der Pfanne war und man das erst zu spät merkte und nur breit gewickelt hat, hatte mir aber bisher nie Schwierigkeiten gemacht. „Kein Tanzen mehr“, sagte der Orthopäde, und auch „mit 30 sitzen Sie vermutlich noch nicht im Rollstuhl, was danach kommt, weiß ich nicht, die Technik wird ja besser bei künstlichen Gelenken.“ Ich glaube, er fand das witzig. Die Tanzschuhe wanderten in den Schrank.

Der neue Freund fand auch Skaten super, also kaufte ich mir Inline-Skates. Wollt ihr raten? Ich habe es versucht, ehrlich, viele viele Wochen lang habe ich mich an Wänden und Geländern entlang gewunden und mich an den Händen ziehen und schieben lassen und trotzdem nicht kapiert, wie man sich auf diesen Dingern bewegen soll. Gleichgewicht? Siehe Langlaufski. Nur fällt man im Schnee weicher. Ich habe es zwei Sommer lang versucht und im dritten haben die Mäuse im Keller das Innenfutter gefressen.

Dann wohnten wir in der Studentenstadt, direkt am englischen Garten. Einer der größten Parks der Welt direkt vor der Haustüre, was bietet sich da mehr an als Laufen? Laufen kann ich doch wohl. Ich kaufte Laufschuhe, teure mit modernster Gel-Dämpfung trotz BAFöG, und begann Runden zu laufen. Das war tatsächlich sehr schön und entspannend. Bis zu Woche vier, als meine Knie wieder dick und rot und schmerzhaft waren. „Laufen ist ab jetzt verboten“, sagte der Orthopäde, ja, auch mit guten Schuhen, der Knorpel wäre schon ziemlich hinüber. Als die Knie wieder funktionierten, fand ich in der Studentenstadt die Badmintonkurse. Das klang doch super, und man musste nicht laufen, dachte ich. Schläger gekauft, ein paar Monate mehr schlecht als recht, aber mit viel Spaß Badminton gespielt, dicke, rote, schmerzende Knie. „Ich sag’s jetzt mal ganz deutlich, wenn Sie ihre Knie behalten wollen: kein Laufen, keine Sportarten mit plötzlicher Stop-Belastung auf den Beinen, kein Hüpfen, kein Springen. Kein Badminton mehr. Keine Ballsportarten.“ – „Was darf ich denn dann?“, fragte ich ein bisschen hilflos. „Radfahren, aber nur in kleinen Gängen und ohne Steigungen. Und Schwimmen, aber kein Brustschwimmen wegen der seitlichen Beinschläge. Nur Kraulen.“

Also nutzte ich an meinem Mountainbike nur noch die drei untersten Gänge, das war nicht so lustig, aber ging auch. Ich lernte, mich mit dem Fahrrad nur noch in der Nähe von Bahnlinien zu bewegen, nachdem ich einmal bei einer Radtour entlang der Isar mit dicken, roten, schmerzenden Knien strandete und weit und breit keine Bahn war und keiner ein Auto hatte, um mich aufzusammeln. Schwimmen dagegen war komplizierter. Ich hatte zwar wie gesagt mit 12 endlich schwimmen gelernt, aber das „wie“ war eine andere Frage. Vor allem konnte ich nicht tauchen, ich konnte nur mit Nase über dem Wasser schwimmen, alles andere endete in halbem Ertrinken und viel fuchteln und jedenfalls nicht in Sport. Ich meldete mich im Unisport zu einem Schwimmkurs für Erwachsene, die Hälfte Nichtschwimmer, die andere Hälfte Leute wie ich, die sich zwar über Wasser halten konnten, aber nicht mehr. Auch hier schön: man musste sich nicht blöd vorkommen. Genutzt hat das leider alles nichts, einfach die Nase zu lassen ging nicht, unter Wasser ausatmen ging nicht. Die Theorie war mir schon sehr klar, nur gleichzeitig richtig atmen und kein Wasser einatmen und Arme und Beine bewegen, das klappte nie. Ich kaufte mir eine Nasenklammer, damit ertrank ich zwar nicht mehr, aber bekam dann Atemnotpanik und schlug wild um mich, statt Bahnen zu schwimmen. Daneben übten sie mit mir Kraulen, auch das, naja, ich hab’s jetzt eben mal gemacht, man könnte damit sicher sehr lustige Filme drehen. Die beiden Schwimmtrainer verabschiedeten mich ratlos.

Daran hat sich bis heute übrigens nicht sehr viel geändert. Ich gehe wirklich sehr gerne schwimmen und liebe das Wasser, ich kann nur kaum sportlich schwimmen, weil die Nase immer noch nicht unter Wasser geht und ich dann immer noch halb ertrinke und weil vom Kopf über Wasser halten der Nacken zu stark belastet wird. Leider geht das Schwimmen auch zunehmend auf die Hüfte, wenn ich mehr schwimmen gehe, hilft das Knie und Rücken, aber dafür kann ich tagelang schlechter zu Fuß gehen und habe mehr Hüftschmerzen, also auch keine optimale Lösung. Aber ich habe noch lange nicht aufgegeben, letztes Jahr im Wellnessurlaub bin ich zum ersten mal ein paar Meter mit offener Nase unter Wasser geschwommen und seither versuche ich (vergeblich), diesen Zustand nochmal zu erreichen. Irgendwann.

Dazwischen die ersten Bandscheibenvorfälle, oder auch nicht, das ist bis heute nicht so ganz klar, aber das ist eine andere Geschichte. Einer im Studium, einer kurz danach. Der Arzt fand, dass ich zu beweglich und zu untergewichtig und zu jung für Bandscheibenvorfälle war, das half aber auch nicht. Sehr viel Physiotherapie über Monate und gezielter Muskelaufbau. Die Rückenübungen sind eines der Dinge, die ich bis heute halbwegs konsequent beibehalten habe. Trotzdem half alles nicht ganz so, wie es vorgesehen war, und nach Monaten dann doch.

Als ich zu arbeiten begonnen hatte, fand ich ein hübsches, schweineteures Fitnesstudio nahe am Büro. Studios waren für mich immer diese eine Form von Sport, die ich mir für mich nie vorstellen konnte. Aber auf der anderen Seite waren da schon ziemlich viele andere Sportarten auf der Liste durchgestrichen. Also versuchte ich das Studio und fühlte mich da überraschend wohl. Ich bekam Gerätetraining, das auf alle meine komischen Knochen zugeschnitten war, und wenn die Knie auf dem Fahrrad aufmuckten, konnte ich einfach sofort absteigen, ohne was zu riskieren. Lange Zeit ging ich da dreimal pro Woche hin, am liebsten morgens um 6, möglichst wenig Menschen. Manchmal abends noch in die Sauna. Dann wurde ich schwanger, sehr sehr müde und unbeweglich und fast zeitgleich schaffte das Studio die Kinderbetreuung ab, also kündigte ich.

Kinder. Nie schlafen, nie Zeit für mich, immer fix und fertig. An Sport habe ich da lange nicht viel gedacht. Als die Kinder etwas größer wurden, startete ich einen neuen Versuch im Fitnesstudio, aber das ging mächtig in die Hose. Letztendlich war es dann doch immer noch schöner, auch mal zu schlafen. Oder die Kinder einmal am Tag zu sehen. Zeit ist ein knappes Gut, seit ich Mutter bin.

Also beschränkte ich mich längere Zeit darauf, möglichst viel und ausdauernd zu Fuß zu gehen und meine Rückenübungen zu machen. Im Urlaub gelegentlich wandern, aber das ist ja schon wieder so eine Sache mi den Knien. Als nach dem Umzug genug Platz war, hatte ich außerdem die fixe Idee, einen Crosstrainer zu versuchen. Ich hatte natürlich recherchiert, und natürlich hatte ich deshalb auch hier und da die Warnung gelesen, dass das für die Hüfte nicht das klügste wäre, aber ich bin ja stur. Also kaufte ich den Crosstrainer. Macht Spaß, mit traumhaftem Blick hier über die Felder und zum Wald, mit Tablet und ein paar guten Serien. Aber die Warnungen hatten natürlich recht und deshalb kann ich den Crosstrainer zwar hin und wieder für kurze Zeit nutzen, aber kaum länger als 15 min, und erst recht nicht mehrmals die Woche. Die Hüfte schreit sonst. Wenn ich meine Sturheit endgültig eingestanden habe, verkaufe ich ihn, aber noch ist es nicht so weit.

Bandscheibenvorfall 3, oder das, was man zunächst eindeutig dafür hielt. Zum ersten Mal wird wegen Lähmungserscheinungen Bildgebung genutzt – und kein Vorfall gefunden. Wieder 3 Monate Schmerzmittel, Physiotherapie, Ratlosigkeit und am Ende hatte immer noch keiner eine endgültige Diagnose. Zum ersten Mal der Verdacht, es könnte auch was entzündliches sein, vielleicht auch die ersten beiden Vorfälle damals, und seit neuestem kommt da die Idee einer Autoimmungeschichte rein, so dass ich vielleicht gar nicht 10 verschiedene Baustellen habe, sondern nur zwei oder drei weitverzweigte – aber das ist wie gesagt nochmal eine ganz andere Geschichte. Klar ist jedenfalls, dass mein Rücken, meine Knie, meine Hüfte mir so einiges verbieten, klar ist auch, dass ich Rücken, Knie, Hüfte trotzdem weiter möglichst mobil halten muss, und auch was für die Ausdauer und das mittlerweile gar nicht mehr so geringe Gewicht nicht das schlechteste wäre.

Wieder ins Studio war Option 1. Umgesetzt habe ich das nie, weil ich genau ahnte, wie das enden würde: ich muss zu weit dafür fahren, ich habe Umwege, wäre an Arbeitstagen damit locker 2 Stunden zusätzlich unterwegs und würde die Kinder gar nicht mehr sehen, an Nicht-Arbeitstagen müsste ich mit dem Zug reinfahren und wäre locker 3-4 Stunden unterwegs. Und ich habe jetzt schon das Gefühl, nie Zeit zu haben.
Wie oft würde ich das wohl tun, trotz aller Dringlichkeit? Genau.

Also habe ich nach Recherche Option 2 gefunden: ein Trampolin. Kein Kinder-Garten-Hüpf-Gerät, sondern eines, das wohl auch in Reha und Physiotherapie genutzt wird und superduperweich mit anpassbaren Gummiseilen gefedert ist. Möglichst wenig Druck auf die kaputten Gelenke, trotzdem Bewegung mit dem ganzen Körper. Kein hartes Aufkommen. Schwingen statt Hüpfen. Fernsehen nebenbei. Angeblich tatsächlich auch empfohlen für alle meine körperlichen Problemzonen von Knorpelschäden bis Rücken und sogar den Beckenboden. Ob das die Lösung ist, werden wir in ein paar Monaten sehen, aber morgen soll das Teil hier ankommen und ich freue mich schon sehr darauf und habe schon passende Übungen gesucht.

Und damit ihr jetzt alle wisst, dass ich das durchziehen werde, mache ich es hier öffentlich. (No pressure! oder ein kleines bisschen). Ab morgen wird geschwungen!


Metzgergeschichten

Als ich noch in der Stadt wohnte, da waren Metzger und Bäcker kein großes Thema für mich. Sicher, es war immer verpönt, sein Brot im Supermarkt zu kaufen oder die Wurst verpackt im Kühlregal, ganz egal, wie gut die Produkte waren. Aber zum einen hatte ich lange nicht genug Geld, um mir Metzger und Bäcker zu leisten (nein, auch nicht, wenn man wenig Fleisch isst, nein, ich möchte mir nicht erklären lassen, wie ich besser auf anderes verzichten könnte). Zum zweiten waren dreiviertel aller Metzger und Bäcker einfach Ketten, bei denen es auch nur tiefgekühlte Teiglinge gab wie im Supermarkt, nur für dreimal so viel Geld und an Orten, an denen ich im Alltag nie vorbei kam oder die nie offen hatten, wenn ich Zeit hatte. Da gab es zum Beispiel nicht weit von meiner vorletzten Wohnung in Giesing einen französischen Handwerksbäcker, etwas teuer für meinen Geschmack, aber so ist das in der Stadt, er konnte sich das erlauben, denn echte Bäcker sind Statussymbol wie Biomärkte. Deshalb hatte er allerdings auch Öffnungszeiten wie „von 8 bis 12 Uhr“, und abends noch zwei Stunden, aber bis ich kam, gab es immer kein Brot mehr und dann habe ich nach dem dritten Besuch wieder aufgegeben. Und natürlich kannte ich mit den Jahren auch Metzger irgendwo, aber nicht jeden Tag war mir danach, mit zwei mal Umsteigen durch die Stadt zu fahren, statt abends doch die Kinder ins Bett zu bringen. Und drittens noch: ich mag die Waren in manchen Supermärkten wirklich gerne, und das meine ich ernst. Auch Maschinen können durchaus gute Teige rühren, wenn man sie dazu programmiert. Ich stehe dazu, auch Supermarktware zu mögen, nicht alle, aber manche eben schon. Die Diskussion über lokalen und müllarmen Einkauf ist wieder eine andere, eine für einen anderen Tag.

Jetzt lebe ich im Dorf. Einkaufstechnisch sicher ein Rückschritt für alles, was über Grundnahrungsmittel hinausgeht, die dafür bekomme ich jetzt in richtig guter Qualität. Wir haben nicht nur einen, nein, zwei Handwerksbäcker mit eigener duftender Backstube, bei denen die Semmeln 30% weniger kosten als in der Stadt, aber das doppelte wiegen. Gut sind sie noch dazu, und die Kinder schauen gern dem Tanklaster zu, der das Mehl in den Keller bläst. Wir haben einen Metzger, der die Tiere von den umliegenden Höfen selbst schlachtet und jede Menge gutes Fleisch hat, an dem jede Woche dran steht, welcher Bauer das Schwein aufgezogen hat. Wir holen Rindfleisch direkt vom Hof und Eier aus dem Eierautomat oder beim Bäcker, jedenfalls alles von hier irgendwo.

Aber dann ist da die Sache mit dem Reden. Das Kühlregal spricht nicht mit mir, ich nehme mir meine Sachen, an der Kasse reicht danke und bitte, das kriege ich hin. An Theken dagegen stehen Menschen, die mich ansprechen und erwartungsvoll anschauen und ganz zweifellos notwendig machen, dass auch ich spreche. Das wiederum kann ich nicht sehr gut. Konnte ich noch nie sehr gut. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich bekomme weder Herzklopfen noch feuchte Hände, ich weiß nur nie, was ich wann sagen muss und soll und kann und wo ich stehen soll und wer wohin schaut und überhaupt sind Menschen oft ganz schön anstrengend.

Ich übe daher jedes Gespräch im Kopf vor, und ich meine wirklich: jedes. Schon immer. Nicht nur Bewerbungsgespräche, nicht nur berufliche Telefonate, nicht nur den Anruf bei der Lehrerin. Wenn ich beim Pizzadienst anrufe, dann habe ich auf meinem Block nicht nur notiert, dass mein Kollege die Prosciutto nimmt und ich die Salami, sondern auch, dass ich am Anfang „Hallo, ich würde gerne vorbestellen“ sagen muss und am Ende „ok, wann kann ich das abholen?“ und manchmal schreibe ich noch dick „verabschieden!!“ auf den Block. Ich übe seit Jahrzehnten die Floskeln, die man bei Bäckern und Metzgern und Apothekern und Ärzten braucht, ich habe tausende male im Kopf „Nein danke, das ist alles“ und „danke, Ihnen auch“ geübt, und manchmal geht das jetzt mit 40 schon fast von alleine.

Aber Pizza und Bäcker ist ja relativ einfach. Relativ. Der Ablauf bleibt immer derselbe, die Sätze auch, und ich bemühe mich, immer schon vorher zu wissen, was in der Theke liegt, was ich zahlen muss, was im Angebot ist und wie die Waren alle korrekt heißen, damit ich nicht ins Schwimmen gerate. Wenn wichtigere Gespräche bevorstehen, oder beispielsweise eine Geburtstagseinladung, dann kann einen das alles aber schon mal den Nachtschlaf kosten, denn: sobald das Gegenüber mehrere Antwortmöglichkeiten hat, muss man für jede eine eigene Antwort planen, und dann gibt es da wieder neue Verzweigungen, und…. aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Heute morgen war ich also beispielsweise beim Metzger, und ich hatte mir natürlich im Kopf längst bereit gelegt, was ich sagen muss: „Grüß Gott, ich hätte gerne ein halbes Pfund Hinterschinken, bitte in dicken Scheiben.“ Und ich hatte auch geplant, dass ich „für einen Auflauf“ dazu sagen kann, falls die dicken Scheiben unklar sind. Dann fragte die Verkäuferin aber unerwartet „wie dick denn? Einen halben Zentimeter?“, darauf war ich nicht vorbereitet, also wiederholte ich einfach: „für einen Auflauf“, und dann sagte sie, das hätte sie schon gehört, wie dick die Scheiben denn sein sollen, und ich dachte noch im Kopf, dass jetzt sowas wie „gerne auch noch dicker als das“ passend wäre, aber dann war es schon zu spät und mein Mund sagte nur „ja doch, mhhhbbbb“, weil ich ja keinen Satz geplant hatte und sie schaute mich etwas unsicher an und schnitt dann einfach Scheiben mit einem halben Zentimeter. Ich schaffte es auch noch, die 200 gr gemischten Aufschnitt zu nehmen, schaffte es aber nicht, die Wurst mit den Pilzen und den Bierschinken wegzulassen, den die Kinder nicht mögen, denn auch da war ich nicht vorbereitet und hätte nicht gewusst, wie ich das so schnell sagen kann, also habe ich doch alles gemischt und die Pilzwurst esse dann ich. Jetzt bin ich erst mal erschöpft, das mag albern klingen, aber so fühle ich mich danach immer.

Und deshalb gehe ich an manchen Tagen einfach zu meinem Lieblingssupermarkt, nehme mir meine warmen aufgebackenen Brezen aus dem Fach, ohne jemanden anzuschauen, ohne Sätze bereit zu legen, kaufe mir ohne schlechtes Gewissen eine Packung in Plastik verpackten Schinken und gehe zur Kasse, wo ich seit 20 Jahren nur „bar“ oder „bitte mit Karte“ und „schönen Tag“ sage, das geht. Und an anderen gehe ich wieder zum Metzger, denn die Waren sind wirklich gut, und vielleicht kann ich in zehn Jahren ja Wurst bestellen, ohne sie vorzuplanen, denn hey: vor 20 Jahren habe ich an Wursttheken noch gar nie bestellt. Man lernt ja dazu.

Ausblick – 2019

Für dieses neue Jahr habe ich wenige feste Pläne, mehr Wünsche und Hoffnungen. Vieles ist noch offen und ungewiss und ich muss schauen, wohin es mich treibt.

Ich wünsche mir, dass der neue Job so erfreulich bleibt, wie mein erster Eindruck ist. Dass mir das Umfeld erlaubt, wieder dauerhaft Spaß am Arbeiten zu haben. Und natürlich, dass auch ich die Erwartungen erfülle, die dort zweifellos in mich gesetzt werden, dass ich die Probezeit überstehe und anschließend ruhiger schlafen kann.

Ich wünsche mir, dass ich wieder Gelegenheiten zum Reisen finde. Mit und ohne Kinder. Kurz und lang. Einen Sommerurlaub, vielleicht sogar wieder auf Langeoog, vielleicht diesmal ganz woanders. Noch habe ich nichts geplant und bin ganz froh darum, weil ich nicht in den ersten Arbeitstagen mit dem Urlaubszettel wedeln möchte. Wenn im Job alles wie geplant verläuft, wird mir das aber mindestens einmal London verschaffen, und auch darauf freue ich mich.

Ich wünsche mir, dass das große Kind den Übergang in die weiterführende Schule stressfrei übersteht, wo auch immer es hingehen mag. Dass er sich zurecht findet, neue Freunde findet und mit den vielen neuen Eindrücken gut umgehen kann.

Ich hoffe, jede Menge Menschen (wieder) zu sehen, die mir auf die unterschiedlichsten Arten etwas bedeuten. Gar nicht so wenige davon „aus dem Internet“.

Ich werde mich bemühen, jede Menge überfälliger Arzttermine anzugehen und hoffe, dass mir das in manchem Erleichterung bringt und ansonsten keine schlechten Nachrichten. Dass ich im wesentlichen gesund bleibe, genau wie die Kinder.

Ich möchte das Garderobeneck ausbauen und den wilden Garten in den Griff bekommen und endlich alle Kellerregale aufbauen, damit ich die Kisten besser einsortieren kann. Ich möchte mehr neue Rezepte ausprobieren und öfter Brot backen. Häufiger zum Friseur gehen, weil mir die neue Haarlänge gut gefällt. Etwas für andere tun. Konsequenter trainieren. Mehr spazieren gehen. Flurwände streichen. Gelassener sein. Ein Sofa aussuchen. Viele Mails schreiben. Manchmal bloggen.

Ich wünsche mir, dass das Jahr mir Klarheit und Ruhe bringt, in welche Richtung auch immer.

Ein frohes 2019 wünsche ich euch allen – und uns.

Vorfreude und Packunlust

Morgen abend, genau genommen in 36 Stunden, werde ich schon im Nachtzug sitzen und hoffentlich durch Österreich und Italien zuckelnd eine akzeptable Nacht dort verbringen, bevor ich am Sonntag morgen dann bereits in Venedig stehe. Venedig! Aus der lose angedachten Schnapsidee „wohin komme ich von hier eigentlich mit dem Zug?“ vom letzten Wochenende wurde in kürzester Zeit ein handfester Plan. Zug und Hotel sind nach ausführlicher Recherche längst – also seit drei Tagen –  gebucht, ich habe eine Übersicht über Sehenswürdigkeiten, verschiedene Stadtviertel und Nahverkehr (in der Form von Booten), der Wetterbericht klingt mit sonnigen 9 bis 13 Grad perfekt und die gespeicherte Liste kulinarischer Anlaufpunkte hält mich notfalls erst mal eine Weile über Wasser. Eigentlich ging das alles so schnell, dass ich es selbst noch kaum fassen kann. Morgen schon!

Auch die Kinder waren erstaunlich kooperativ, sie merkten zwar an, dass sie auch gerne mitgefahren wären, wenn keine Schule wäre, aber ich da sicher viel Spaß haben werde und es sehr schön wäre dort. Ich soll ihnen Bilder schicken und was kleines mitbringen, das kriege ich hin. 

Nach einigen Überlegungen habe ich tatsächlich für beide Fahrten den Nachtzug gebucht, vielleicht schon allein, weil das mehr nach Abenteuer riecht als 7 Stunden im EC sitzen. Außerdem: zwei halbe Tage mehr Venedig! Bericht folgt bestimmt, und dann erzähle ich euch vielleicht auch noch, wie das schwanger mit Kleinkind im Nachtzug nach Hamburg war (überraschend gut) oder wie wenig ich damals ganz freiwillig in ukrainischen Nachtzügen geschlafen habe (Vodka, Speck und Schwarztee). Aber das ist eine andere Geschichte. Oder zwei.

Das Einzelzimmer in dem kleinen, aber feinen Boutique-Hotel im Viertel Cannaregio wurde mir letztendlich fast hinterher geworfen, 54 EUR pro Nacht zahle ich mit Frühstück. Schon für normale Verhältnisse sehr in Ordnung, für Venedig fast geschenkt. Natürlich musste ich neugierig überprüfen, was dasselbe Zimmer zu anderen Zeiten kostet: unter der Woche im März 123, von Mai bis September an Wochenenden zwischen 180 und 240 pro Nacht. Jetzt weiß ich auch wieder, wieso ich in den letzten 20 Jahren nicht in Venedig war. Dass der Dezember drastisch günstiger sein könnte, war mir bisher nie in den Sinn gekommen, und realistisch gesehen hatte ich im Advent ja auch nie Zeit. – Wenn’s schön dort ist, empfehle ich es euch hinterher gerne. 

Hier zuhause dagegen bin ich immer noch nicht wesentlich weiter, mir fehlt der Antrieb, die Zeit scheint zu kurz für alles, es lohnt sich gar nicht recht, jetzt noch im Keller anzufangen oder gar eine Garderobe zu bauen. Gestern zwei, drei „Kinderkleidung zum Verkaufen“-Kisten aufgemacht und darin eine meiner lang vermissten Business-Blusen gefunden, offenbar sollte ich das Zeug doch nicht ungesehen abgeben. Ich bin zu müde, das Haus ist zu chaotisch, die Kinder sind zu anhänglich, es gibt zu viel zu tun. Ich habe noch kein einziges Weihnachtsplätzchen gebacken, was mir das kleine Kind besonders übel nimmt („ALLE anderen in der Klasse haben aber schon gebacken!„) – ich finde, das ist eine tolle Beschäftigung für die Kinder am Sonntag, oder? Während ich am Markusplatz sitze. Die Dekokiste hole ich vielleicht heute noch hoch, wenn ich sie finde. Gerade noch 3 Wochen bis Weihnachten, zwar sind die Kindergeschenke praktisch vollständig, aber sonst habe ich noch absolut gar nichts für niemanden, keine Karten vorbereitet, kein Päckchen gepackt. Theoretisch wären da so viele, denen ich von Herzen Wünsche und Geschenke und Plätzchen schicken möchte, ehrlich. Praktisch dagegen…

Am Mittwoch,  3 Stunden nach meiner Rückfahrt im Nachtzug, habe ich nochmal einen Arzttermin, um dauerhafte Energielosigkeit und komische hartnäckige Rippenschmerzen und Ekzeme und Magenschmerzen und anderen Käse noch weiter abklären zu lassen. Diesmal aber ausdrücklich bei der anderen Ärztin, auf einen weiteren „das würde ihnen ein Schulmediziner gar nicht sagen„-Paleodiät-Vorschlag kann ich sehr gerne verzichten, bitte danke. Von da werde ich direkt weiter zum Elterngespräch in der Schule gehen. Und am Abend zum Infoabend der weiterführenden Schulen, auch das wird jetzt konkret und graust mir schon ein bisschen. Wie ich schon sagte, es gibt viel zu viel zu tun. 

Überwinden muss ich mich jetzt trotzdem, die Packliste für Venedig ist geschrieben und hoffentlich vollständig, theoretisch muss ich nur noch alles in mein Köfferchen werfen, praktisch vielleicht auch noch das ein oder andere waschen oder suchen. Und dann wartet Venedig auf mich! 4 Nächte, 3 Tage nur ich, nur ausschlafen, leckere Dinge essen, Kaffee trinken, Vaporetti im Kreis fahren, bis es mir zu blöd wird, durch die Gassen schlendern, kein Ziel, kein Programm. Ich freue mich sehr darauf, auch wenn es noch unwirklich ist. 


Weihnachtsessen und Reisepläne

Noch 30 Tage Urlaub. 


Anlässlich der Weihnachtsfeier im alten Job darf ich heute abend sehr, sehr fein essen, jedenfalls lassen die Bewertungen und Berichte das erhoffen. Das Restaurant gehört in die Klasse, die ich mir privat wohl nicht leisten würde; umso mehr freue ich mich darauf, in diesen Genuß zu kommen. Ich kann in solchen Fällen ähnlich viel Vorfreude entwickeln wie 5jährige vor Heiligabend, denn ganz ehrlich: richtig außergewöhnliches Essen, dann noch kunstvoll angerichtet, ist schon was für die Sinne, auch wenn ich ebenso gerne warmes Butterbrot und Kartoffelsuppe esse. Ich werde berichten.
(Und ich werde mich bemühen, mich auf den Gaumenschmaus zu konzentrieren und alle zwischenmenschlichen Verwicklungen, die aus Gründen zu erwarten sind, zu ignorieren. Schön, wenn es einem egal sein kann.)


Wie schon zu Beginn geschrieben, schreit so ein unvorhergesehener Urlaub fast nach einer Reise. Da die Kinder mindestens die halbe Woche von mir betreut sind und bis Weihnachten zwangsläufig in die Schule gehen, ist auf jeden Fall nichts größeres drin. An etwas kleinerem nur für mich denke ich aber gerade ganz spontan herum. Nur zwei, drei Tage, nochmal eine kurze Auszeit. München liegt ja diesbezüglich schon fast optimal, abgesehen vom fehlenden Meer: mit dem Zug kann ich in 4 Stunden in Berlin sein, in 5,5 in Paris, in 4 in Bozen, in 6,5 in Venedig, in 5 in Prag. Mit Spartickets alles sehr bezahlbar. Morgens mit Buch und Musik einsteigen, zum Mittagessen in einem französischen Bistro oder einem italienischen Café sitzen, das klingt schon äußerst verlockend. 

Paris hätte mich gereizt, aber die Bilder aus den Nachrichten könnten das Vergnügen wohl trüben. Also rückt Venedig in den Fokus, im Dezember überraschend preiswert und den Berichten nach auch wunderschön. Zuletzt – und auch das einzige mal – war ich dort 1999, auf einem Tagesausflug als Studentin, mit geschmierten Broten im Rucksack und gerade lange genug, um einmal Kanalluft zu schnuppern. 

Bleibt also fast nur noch die Frage, ob das klug wäre. Ob ich auf drei freie Tage zuhause vor Weihnachten verzichten will, ob ich dann hier wieder neuen Stress produziere und zu spät mit allem bin (Geschenke, Weihnachtskarten, Baum holen, Plätzchen backen) und an mir selbst scheitere. Ob ich das spontan schaffe, denn einziger noch freier Zeitraum wäre Ende dieser Woche. Ob neue Eindrücke, unbekannte Hotels und Banalitäten wie die Suche nach Restaurants jetzt gerade nur erholsam sind oder zuviel meiner Kapazität verbrauchen, schließlich muss ich am 2. Januar mit aller Energie und Konzentration auf der Matte stehen, um mich neu zu beweisen. Ob die Kinder das einigermaßen mitmachen – noch dazu Venedig, da liegt der Knirps mir seit sicher 2 Jahren in den Ohren, dass er das sehen möchte.
(Nein, mir muss an dieser Stelle wirklich niemand sagen, dass ich mir das gönnen darf und auch an mich denken muss, das tue ich reichlich und ganz ehrlich: auch die Kinder hatten dieses Jahr mehr Stress, als ihnen gut tut, und wer möchte schon – selbst als Erwachsener – zuhause im regengrauen Alltag hinterlassen werden, während der andere es sich im Hotel in Italien gut gehen lässt. Aber vielleicht lassen sie sich mit Kinobesuch und Weihnachtsmarkt bestechen.)

Ich denke noch ein bisschen nach, und recherchiere dabei Zugverbindungen und Hotels. Ganz unverbindlich.


Sollte ich diese Idee tatsächlich noch in die Tat umsetzen, dann hätte ich dieses Jahr mehr für Reisen ausgegeben als je zuvor und dabei auch Teile meiner relativ strikten Geldausgebe-Regeln gebrochen. Aber das ist wieder eine Geschichte für einen anderen Tag. Und jede Reise war auf ihre Weise schön, die 6 Tage Berlin, der Besuch in Nierstein, das Familienhotel in den Bergen, meine zwei spontanen Wellnesstage im Zillertal, der Sommerurlaub auf Langeoog. Dankbar, dass ich das alles erleben konnte. Sehr dankbar.