Entscheidungen

Da schult man ein Kind ein, macht stolze Fotos mit der riesigen Schultüte, blinzelt einmal, bringt das Kind nach viel Stress auf eine andere Schule, dreht sich noch zwei mal um und schwupps, ist die Grundschulzeit zu Ende.
Zeit also, die Schule für die nächsten 5 bis 9 Jahre auszusuchen.

Ein bisschen wehmütig denke ich daran, wie einfach das für mich als Kind war. Es gab genau drei oder eher zweieinhalb weiterführende Schulen im Ort, eine Hauptschule, und ein Gymnasium mit integrierter Realschule. Dann kam 30km und viele Berghänge lang nichts mehr. Jeder ging in eine dieser Schulen, nur alle paar Jahre entschied sich jemand, die stundenlange Busfahrt in die Kreisstadt auf sich zu nehmen, um z.B. Altgriechisch lernen zu können. Die Empfehlung war damals wie hier heute verpflichtend, aber mein Notenschnitt war am oberen Anschlag, also auch da nichts, was man überlegen müsste. Die Schulen waren klein und putzig, wir hatten zwei Klassen mit je 20 Schülern am Gymnasium und waren beim Abitur noch 30 Schüler.

Hier gibt es keine weiterführende Schule vor Ort. Egal wohin, er muss fahren. Mindestens 15 min mit dem Bus, vielleicht auch 30, oder Zug und S-Bahn. Ich habe ein Kind, für das Nahverkehrspendeln immer Stress ist. Bus besser als Zug, aber dafür mit schlechterem Takt.
Die Schulen sind ordentlich überfüllt und haben meist weit über 1000 Schüler, letzte Woche haben wir hier ein Gymnasium besichtigt, das dieses Jahr 10 fünfte Klassen mit etwa 30 Schülern bilden wird und „Außenstellen“ hat, weil der Platz fehlt. Dreihundert Fünftklässler. Mehr, als die Dorfgrundschule insgesamt an Schülern hat. Ich habe ein Kind, für das große Menschengruppen und laute Räume Stress sind.
Die Empfehlung ist in Bayern im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern eine Vorschrift. Der Schnitt der Leistungsnachweise muss passen, mündliche Allgemeinnoten oder Gesamteindruck existieren nicht. Ich habe ein Kind, das noch auf zwei Noten wartet und bisher genau zwischen allen Stühlen, also zwischen Gymnasium oder Realschule steht: noch kann dabei rauskommen, dass der Schnitt locker um eine halbe Note geschlagen ist, oder auch, dass der Schnitt in dem relevanten Fach um ein halbes Zehntel verpasst wurde.

Also planen wir in alle Richtungen, schauen alle potentiellen Schulen an, lassen das Kind testen, wie laut und chaotisch er die Gebäude empfindet (grellbunte Schule: stresst ihn, betongraue schnurgerade Schule: liebt er) und vergleichen Möglichkeiten. Wählen müssen wir zwangsläufig, es gibt nicht die eine logische Schulwahl. Und nachdem ich da lange Zeit komplett entspannt war, muss ich sagen: es zerrt inzwischen doch an meinen Nerven.

Falls der Schnitt nicht erreicht wird, gibt es in Bayern noch die Möglichkeit, einen Probeunterricht zu absolvieren, der in Wirklichkeit kein Unterricht, sondern ein Euphemismus für eine wohl relativ anspruchsvolle schriftliche und mündliche Prüfung über drei Tage hinweg ist, laut Lehrerin mit Stoff, der bisher in der Grundschule noch gar nicht dran kam. Wollen wir das, falls es in Frage kommt? Ich habe es dem Kind überlassen, denn ich will nicht diese Mutter sein, die das Kind um jeden Preis aufs Gymnasium peitschen will, ganz sicher nicht. Ich will keinen sinnlosen Druck auf mein Kind machen. Ich habe immer gesagt und glaube auch, dass es viele Wege zum Ziel gibt, viele Schulformen, die auf unterschiedlichen Wegen glücklich machen können. Ich habe miterlebt, wie sich meine Schwester jahrelang am Gymnasium gequält hat und dann in Klasse 12 fast erleichtert endgültig durchgefallen ist und weit weg, auf einer anderen Schulform, einen guten Abschluss gemacht hat, für den Praxis wichtiger war als Theorie.

Aber sofort wird mir auch klar, dass mein Kind nicht meine Schwester ist. Sie hat sich zwölf Jahre lang unter morgendlichen Tränen zur Schule gequält und jedes lernen gehasst. Er liebt die Schule, hing bei den Schulbesichtigungen in der ersten Reihe dem Schulleiter an den Lippen und redet seit Monaten davon, was er alles lernen möchte – Physik, Latein, Chemie. Sie hat Ponybücher gelesen, aber nie freiwillig ein Sachbuch in die Hände genommen. Er verweigert immer noch Romane und Kinderbücher, aber liebt Sachbücher in allen Varianten von Feuerwehr bis Politik. Sie musste lernen, üben, bekam Nachhilfe und hat doch nicht verstanden, wie Mathematik funktioniert. Er sieht Zahlen wie ich und begreift alles, was logisch ist, sofort. Sie wollte die Klasse nicht wiederholen, als es dringend angeraten wurde, weil sie ihre Freunde verloren hätte. Ihn interessiert kein Stück, auf welche Schule seine Freunde gehen werden, er möchte stattdessen die Schule mit der Forscher-AG und den schönen geraden Gängen und dem tollen Schulorchester.

Falls er den Schnitt verpasst, wird er das nicht, weil er den Stoff nicht versteht. Es wird die eine 4 sein, die er bekam, als er alle Fragen richtig beantwortet hat, aber beim Abschreiben einen ganzen Satz vergessen hatte und daher pro Wort einen Punkt Abzug bekam. Es wird das Referat sein, in dem auf dem Notenbogen stand, dass er in der Vorbereitung und sachlich sehr gut gearbeitet hat, aber dass er unsicher und undeutlich vor der Klasse vorgetragen hat und keinen Blickkontakt gehalten hat. Es werden all die vielen Fragen sein, die er wörtlich beantwortet hat, die aber nicht wörtlich bewertet wurden. („welches Tier wurde vom Wärter eingesperrt?“ „die Schlange.“ – Abzug und eine ganze Note, weil da nicht die kleine Schlange steht, auch wenn es nur eine gab.) Es werden die vielen Proben sein, in denen er so undeutlich schrieb, dass es Punktabzug wegen Unleserlichkeit gab.

Keine Frage, das sind alles plausible Gründe für Abzüge. Völlig in Ordnung. Notenschlüssel sind sowieso transparent. Und über exakte Fragestellungen könnte man diskutieren, wenn man diese Mutter wäre, aber das ist es nicht wert, denn er wird in seinem Leben noch oft undeutlichen Fragen begegnen und muss tatsächlich lernen, damit umzugehen, nicht alles wortwörtlich auszulegen. Und deshalb habe ich darüber schon gelegentlich die Augen gerollt, aber dann nicht diskutiert, sondern mit ihm geübt, wie man Fragen etwas breiter beantwortet.

Aber ich muss ja nicht nur Notenschnitte in Schablonen legen, sondern überlegen, welche Schule für mein Kind in den nächsten Jahren richtig ist. Auf welcher Schule er gefordert, aber nicht überfordert ist. Auf welcher Schule er ohne Stress lernen kann und damit glücklich wird.

Natürlich habe ich die Lehrerin gefragt, denn sie hat ihn jetzt zwei Jahre erlebt. Es ist ihre erste Klasse, ihr erstes Jahr als Lehrerin, letztes Jahr noch als Referendarin. Ja, er wisse unglaublich viel, über Schach, über den Bundestag, über Chemie, auch wenn er ihr die Hälfte davon erst nach dem Unterricht erzählt. Ja, er würde sicherlich die gleichen Fehler an jeder Schule machen. Er würde an der Mittelschule, an der Realschule und am Gymnasium Sätze vergessen, undeutlich schreiben, und Aufgaben zu wörtlich verstehen. Und auch sie glaubt, dass er mit dem Stoff auf keiner Schule Probleme hätte, dass er blitzschnell lernt und begreift. Dass er nicht auswendig lernen muss, sondern Dinge kann, die er liest. Dass er Grammatikregeln ebenso leicht versteht wie Mathematik. Aber dann gibt sie am Ende keine klare Antwort, sondern fragt zurück, was ich denke, wo ich ihn sehe, und stimmt mir dann zögerlich zu. Scheint selbst unsicher. Ja, ein Gymnasium wäre seine Schule, ein möglichst kleines, aber jetzt müsse man eben sehen, was die Noten machen, sie hätte da ja keinen Einfluss. Und ich bin so klug wie zuvor. Immerhin habe ich keinen völlig falschen Eindruck.
Auch anderswo, wo er aus Gründen getestet und beobachtet und durchleuchtet wurde, war das Fazit eindeutig: klar für Gymnasium. Er wäre eher jetzt schon unterfordert und würde komplett abschalten.

Was also tun? Den Probeunterricht versuchen, in fremder Umgebung, mit fremden Lehrern, mit mündlicher Prüfung? Vielleicht würde er auch da nicht den geforderten Schnitt erreichen und würde sich dann erst recht als versagend erleben. Darf ich ihm das wirklich antun? Aber darf ich es ihm verbieten, wenn er sich jetzt schon so sehr wünscht, es zu versuchen?
Wäre es richtig, ihn mit einer solchen bestandenen Zusatzprüfung aufs Gymnasium zu schicken? Vielleicht wäre die Entscheidung völlig falsch. Vielleicht wäre er dann wirklich überfordert, unglücklich und müsste zurück wechseln nach den ersten Jahren. Vielleicht wäre sie auch richtig und er würde noch lernen, deutlicher zu schreiben, breiter zu antworten und würde aufblühen mit allem, was er da lernen darf.
Wäre es richtig, ihn ohne Zusatzprüfung auf die Realschule zu schicken? Vielleicht wäre die Entscheidung falsch. Vielleicht wäre er wirklich unterfordert, gelangweilt und man müsste ihn wieder aus der Klasse reißen, um doch das Gymnasium zu testen. Vielleicht würde er, wie uns gesagt wurde, sich dann an den niedrigeren Anforderungen orientieren und ganz zu machen. Vielleicht wäre es auch genau richtig und er würde ohne viel Stress und entspannt durch seine Schulzeit kommen.
Bin ich diese Mutter, die irgendwo unterbewusst doch glaubt, ausgerechnet ihr Kind wäre klüger, als die Noten es zeigen? Bin ich diese Mutter, die nicht akzeptieren kann, dass die Realschule ausreichend ist? Kenne ich mein Kind? Kann ich mir selbst und meinem Eindruck vertrauen?
Auch Ratschläge sind da zwecklos: wenn mir hundert Leute erzählen, was für ihr Kind richtig war, heißt das eben nur genau das und nicht, was für mein Kind richtig ist.

Es ist wohl dieser Aspekt am Elternsein, den ich am wenigsten vorher begriffen hatte und am meisten unterschätzt hatte: was es mit einem macht, für einen anderen Menschen so vollständig verantwortlich zu sein. Sicher, ich hatte auch für fremde Kinder schon relativ viel Verantwortung, habe meine kleinen Geschwister (zu) früh versorgt, habe meine AuPair-Kinder eine Woche ganz alleine betreut, habe über Arztbesuche und Hausaufgaben entschieden. Aber das ist alles ein Klacks gegenüber dem, was man mit eigenen Kindern oder überhaupt in je einer anderen Lebenssituation erlebt.

Wenn ich für mich eine Entscheidung treffe, trage ich die Folgen. Nicht immer nur ich, manchmal auch Partner und Freunde und Kollegen, aber meist haben auch die wieder Wahlmöglichkeiten. Können gehen, können gegen mich entscheiden, können streiten und argumentieren. Wenn ich den Job wechsle und nach einem Jahr herausfinde, dass das die dümmste Entscheidung meines Lebens war, dann muss vor allem ich das aushalten. Dann weiß ich, warum ich die Entscheidung so und nicht anders getroffen habe, damals, und dann weiß ich, dass es meine Verantwortung war, selbst wenn es schief ging. Und dann muss ich versuchen, das wieder hinzubiegen.

Aber wenn ich für mein Kind entscheide, dann trägt oft vor allem das Kind die Folgen. Dann ist er unglücklich. Oder überfordert. Oder so gestresst, dass seine kleine Welt fast untergeht. Natürlich entscheidet nicht jede Wahl über das ganze Kinderleben, oft gibt es wirklich immer noch einen Plan B, eine ähnlich gute Möglichkeit. Aber vielleicht nicht immer. Vielleicht trifft man doch eines Tages eine Entscheidung für das Kind, die wirklich massive Folgen hat. Wer weiß das schon? Man kann ja nie die Alternative testen, man hat nur einen Versuch, jedes „was wäre gewesen, wenn“ ist zwecklos.

Jeden Tag trifft man solche Entscheidungen für sein Kind. Manchmal ganz kleine – kann es mit diesen Schuhen gut laufen? Ist das zweite Eis wirklich so tragisch? – Manchmal größere, wie Schule und Kindergarten, wie den Umgang mit Konflikten. Manchmal sind sie groß und schwer und trotzdem klar – ich habe bis heute nicht vergessen, wie ich den Einjährigen in der Klinik auf der Liege festhalten musste, damit er einen Zugang und Sauerstoff bekommen konnte, aber nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass das sein muss. Und manchmal sind sie eben so, dass man wälzt, überlegt und zweifelt und trotzdem nie ganz sicher sein kann, dass man am Ende das richtige tut. Es zerrt und macht unruhig. Man wird richtige Entscheidungen treffen und sicher auch einige falsche und kann nur hoffen, dass die falschen nicht zu viel kaputt machen.

In zwei bis fünf Wochen ist alles gelaufen. So oder anders. Darüber bin ich sehr froh. Bis zur nächsten großen Entscheidung.

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